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Achter Band.
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Die kirchlich-religiöse Bewegung der Gegenwart. 459

Beschlüsse der Synoden und des allgemeinen Concils, besonders in Glaubensfragen,überall nur als Vorschläge angesehen werden, die ihre Geltung in den einzelnenGemeinden nur durch ausdrückliche Annahme derselben gewinnen könnten. Endlichwurde daS Recht einer ununterbrochenen Fortentwickelung nach allen Richtungendurch die Schlußbestimmung gewahrt, in welcher es heißt, daß alle diese Bestimmun-gen nicht für alle Zeiten festgesetzt seien, sondern nach dem jedesmaligen Zcitbcwußt-sein von der Kirchengemeinde abgeändert werden können und müssen. Dasselbe Rechtwird in einem andern Paragraphen auch jeder einzelnen Gemeinde gesichert.

Die Theilnahme und die Betheiligung an der dentschkatholischen Bewegungblieb in der nächsten Zeit in rascher Zunahme. Im Südwesten Deutschlands ent-standen in schneller Reihenfolge zahlreiche und bedeutende Gemeinden, um derenBildung und Organisation sich besonders der unermüdliche Prediger Kerbler aufseinen Rundreisen ein bedeutendes Verdienst erwarb. Wir nennen die Gemeindenzu Kreuznach, Bingen, Saarbrücken, Krefeld, Duisburg, Mulheim, Unna, Dort-mund, Jserlohn und Hamm, zu Wiesbaden, Biberich, MoSbach, Caub, WormS,Alzei, Wörrstadt, Darmstadt, Freiburg, Ulm und Stuttgart, zu Frankfurt a. M.,Nürnberg und Schweinfurt, die alle um jene Zeit entstanden. In gleicher Weisebildeten sich die Gemeinden zu Halberstadt, Halle, Erfurt und Mühlhausen; inWeimar, Arnstadt, Frankfurt a. O. und Brandenburg; in Landshut, Freistadt,Görlitz, Reichenbach, Hirschberg und Kosel; in Bromberg, Posen, Marienburg,Danzig und Königsberg. Unter den Männern, die sich der Bewegung und derneuen Kirche angeschlossen hatten, nennen wir noch Professor Körner und den grei-sen Pastor Licht aus Elberfcld, Theiner in Brcslau, Professor Schreiber in Frei-bürg, Dowiat in Danzig, Brauner in Berlin.

In dem Concil, das 1847 zu Berlin abgehalten und in dem die obenerwähnteOrganisation beschlossen wurde, waren bereits fünf Kirchenprovinzcn: Preußen,Schlesien, Sachsen-Pommern-Brandenburg, Königreich Sachsen und Süddeutschlandmit mehr als 200 Gemeinden vertreten, und die Zahl der Mitglieder wurde bereitsnach Hunderttausenden bestimmt.

Fragen wir nun im Hinblick anf diese Thatsachen nach der Bedeutung derdeutschkatholischen Bewegung, so erkennen wir dieselbe offenbar vornehmlich in derunmittelbaren und selbstthätigen Betheiligung deS Volks, das hier fast zum erstenmale in der Geschichte der christlichen Kirche das Recht der vollen Gewissensfreiheitund Selbstbestimmung unmittelbar für sich zur Geltung bringt, und sein religiösesBewußtsein wie sein religiöses Bedürfniß zur freien Grundlage der Kirche macht,die es auS eigener Kraft aufzurichten sich entschlossen zeigt. Die deutschkatholischeBewegung ist nicht das Werk Einzelner; sie entbehrt der hervorragenden und lei-tenden Führer; ja sie muß dieselbe» von sich weisen, den» ihr Leben-princip ist dieBefreiung von den Fessel» einer äußern Autorität, welcher Art sie auch sein möge.Die Übel, die dieser Mangel an bedeutenden und sicher» Führern herbeiführenmußte, schienen reichlich ausgewogen zu werden durch die Wahrung der lebendigenund «»geschwächten Kraft, die sie nur auS dem Bewußtsein und dem Willen derGesammtheit schöpfen konnte. Ein ungünstiger Umstand war es, daß die große Zahlder Gebildeten, der Höhergestelltcn und Einflußreichen im Volke, deren Sympathienunzweifelhaft der Bewegung angehörten, aus Privatrücksichten, aus Mangel ankirchlichem Gemeinsinn und an Religiosität überhaupt sich nicht auch durch Wortund That der neuen Kirche anschlössen. Der Anschluß solcher Elemente würde dieneue Kirche vor manchen bcdaucrnswerthen MiSgriffen gewahrt und ohne Zweifel^ öffentliche Meinung ünd selbst die Regierungen in noch höherm Maße für die-gewonnen haben. Die Bewegung, welchen MiSgriffen und Unfällen sieauch unterlag, bleibt dennoch der Ausdruck und das Product des religiösen Be-wußtseins und des kirchlichen Bedürfnisses, da« in dem gegenwärtigen Geschlechtelebendig ist. Sie ist nicht nur gegen den Geistes- und Gewissenszwang einer bin-wenden Autorität, sondern ebenso sehr auch gegen den Jndiffereinismu- gerichtet,