462 Die kirchlich-religiöse Bewegung der Gegenwart.
Dir Hauptgrundsätze, auf welche die Gemeinde zu Halle begründet wurde,lauten: „Wir glauben nicht an eine abgeschlossene und fertige, sondern an eine fort-laufende, immer vollkommenere Offenbarung der Wahrheit. Deshalb ist uns dieBibel... kein Gesetz des Glaubens. Der Geist der Wahrheit, der sich in ihr aus-gesprochen... redet noch immerfort in mancherlei Weise. Darum können wir auchdiesem Geiste keine Schranken sehen durch Bekenntnißformeln und Lchrsatzungcn,und ebenso wenig durch Gebräuche, denen Alle unterworfen wäre». Wir wollenkeine abgeschlossene kirchliche Confcssion, sondern eine freie menschliche Gesellschaft"...Also keine Autorität, keine Überlieferung, kein Bekenntniß, kein Sakrament, keinCultus, keine Kirche, sondern absolute Freiheit des Denkens und des Lebens! Damüssen freilich alle die innern Widersprüche fallen, mit denen jede positive Religionbelastet und von denen sie zu ununterbrochenem Fortschritt getrieben wird; damit istihr aber auch jede einigende Kraft geraubt, die eben ein Aufgeben der freien Indi-vidualität, ein Opfern der unbeschränkten Freiheit um der Gemeinschaft willen federt.Die Freie Gemeinde zu Halle verzichtete niit Recht auf den Namen einer evange-lischen, einer christlichen. Sie mußte auch aus den Namen einer religiösen, und end-lich auch einer Gemeinde verzichten, wenn sie konsequent sein wollte; denn die abso-lute Freiheit ist nur für das Individuum als solches, und für keine Gemeinschaftmöglich, unter welcher Form sie auch bestehen möge. Wislicenus ist der Mann, vorden Conscquenzen des Gedankens, den er einmal erfaßt hat, nicht zurückzuschrecken.Die Gemeinde hatte den Muth, sich von jedem Zusammenhange mit der großenchristlichen Religionsgemeinschaft, mit ihrer eigenen religiösen Vergangenheit abzulösen,um der Freiheit dcS Geistes ihr volles Recht werden zu lassen. Aber sie muß auchdarauf gefaßt sein, die Auflösung ihrer eigenen Gemeinschaft herbeigeführt zu sehen,sobald innerhalb derselbe» daS Individuum seine volle Freiheit fodert.
Auf einem ganz andern Standpunkte als WisliccilUs steht der dritte Führerder freigemeindlichen Bewegung, der Prediger Uhlich in Magdeburg. Wir habenschon Gelegenheit gehabt, ihn als den Gründer des Vereins Protestantischer Freundeund als die Seele von dessen Wirken kennen zu lernen. So sehr wir bemüht sind,die religiöse Bewegung unserer Zeit in ihrer weltgeschichtlichen Entwickelung als einenothwendige, in dem gesammten Entwickelungsgänge der Zeit bedingte, zu erkennenund darzustellen, so könne» wir die einzelnen Erscheinungen doch nicht von den Per-sönlichkeiten trennen, die als handelnde in den Vordergrund treten. Wir achten,wir bewundern einen Mann wie WiSliccnus, der mit unbeugsamer Energie dcSGedankens und deS Willen- seinen Weg verfolgt, und in, Dienste der Wahrheit vorkeiner Eonsequenz deS Worts und der That zurückschreckt, die der Ausdruck und dasProdukt seiner freien Überzeugung ist. Aber, wir gestehen es, daß Uhlich in. All-gemeinen eine lebendigere Sympathie erwecken muß, weil er von der tiefen Religio-sität Zeugniß gibt, von welcher die gegenwärtige Bewegung getragen wird. Uhlich istein durch und durch religiöse-Gemüth, sein Leben und sein Wirken, seincÄtcformcn undseine Kampfe haben ihre Quelle und ihr Ziel auf dem Boden der Religion. Er kämpft Inicht für den Sieg der Vernunft über Autorität und Tradition, sondern nur für dieFreiheit des Glaubens gegen Gewissenszwang. Er erhebt sich nicht mit der selbstge- >wissen Zuversicht des Reformators zum Umsturz des Bestehenden, sondern unterziehtsich mit inniger Hingebung seiner pricsterlichen Aufgabe, wie sie sich durch seinenBeruf vor seiner Überzeugung und vor seinem Gemüth gestaltet. Er dient nichteiner Idee, die er um jeden Preis verwirklichen will, sondern einer Gemeinde, fürderen, religiöse- Bedürfniß er zu sorgen -bemüht ist. Er fühlt sich nicht berufen, sei«ncr Überzeugung die Herrschaft im Christenthum, in der evangelischen Kirche zu er-ringen; aber er will es um keinen Preis aufgeben, mit derselben im Christenthumund als Diener der evangelischen Kirche zu wirken. Er wurzelt mit seinem Den-ken und Empfinden, mit seinem Leben und Wirke» tief in dem Boden, aus den >h"sein Beruf gestellt hat. Er kann und mag sich weder von der Vergangenheit deSChristenthum-, noch von der Gemeinschaft der Kirche lo-reißcn, in der er sich best»-