Band 
Achter Band.
Seite
493
JPEG-Download
 

493

Das Königreich Dänemark.

trauert noch heuzutage um den Verlust von Jngermannland, wo jetzt der Zar rest-dirt, um Finnland, das reiche Land mit der urkräftigcn Bevölkerung, um Karelenund mehre andere Landestheilc, die Rußland an sich gerissen hat.' Es war darumnatürlich, daß sich Viele einer Idee Hingaben, welche den europäischen Norden starkund unüberwindlich machen sollte. Dänemark dachte an die Zeiten der Waldcmarund der Königin Margarethe, und Norwegen, das stolze aber getreue Land, botgern die Hand zum Bunde. So sprachen in Wort und Schrift angesehene, jaselbst hochgestellte Männer des Nordens, und Friedrich VI. ergriff den Gedanken,dessen Verwirklichung nach der Entfernung Gustav's IV. von Schweden (1809)nicht unerreichbar schien, indem Karl XIII kinderlos war und deshalb die Wahleines Thronerben bevorstand. Der Wiener Congreß, wo auch die Sache zur Sprachekam, wollte kein Skandinavien; im Gegentheil anerkannte er die Begründung einerneuen schwedischen Dynastie, durch welche eine skandinavische Union vor der Handganz unmöglich wurde. Dennoch tauchte ein Vierteljahrhundcrt später, als sich derAugenblick nahte, wo, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Hauptlinic des Oldcnburgi-schen Hauses aussterben würde, jene Idee wieder im Norden auf, und zwar miteiner bisher »«gekannten Kraft und Energie, die sogar im Jahre 1837 das schwe-dische Cabinet zu der Erklärung veranlaßte, daß der König von Schweden undNorwegen jeglicher Bestrebung zur Reunion der drei nordischen Staaten durchausabhold sei und energische Maßregeln entgegenstellen werde. Dieser ernste Ton galtjedoch nur einer eventuellen Bewegung; gegen den geistigen Bund der drei Völkerkonnte man nichts unternehmen, denn dieser hat eine tief innerliche Berechtigung.Das Gemeinsame des europäischen Nordens geht schon aus seiner gemeinsamen Welt-anschauung hervor, wie sich dieselbe im nordischen Mythus und der altnordischen Li-teratur darlegt. Der Schauplatz dieses Mythus ist Dänemark, Schweden und Nor-wegen. Die gemeinschaftliche Herkunft der Völkerschaften dieser drei Länder läßtsich nachweisen, und ihre Sprachen sind wenig verschiedene Entwickelungen desselbenSprachidioms. Die Geschichte des einen Landes ist mit der der andern so ver-knüpft, daß sich eine Trennung derselben in keiner Periode denken läßt. DieseLänder hatten sich in der neuern Geschichte oft feindselig gegenübergestanden, wahrendihr Wesen, ihre Lage und Geschichte sie auseinander anwies. Männer wie Öhlen-schläger und Grundtvig traten jetzt als Vermittler der geistigen Beziehungen deßNordens auf, und ihr Einfluß wurde ein sehr bedeutender. Sie agitirten nicht fürpolitische Theorien; aber die Töne, welche sie in den Schöpfungen der Literatur an-schlugen, fanden ihr Echo in den drei nordischen, zu verschiedenen Staaten gruppir-ten Ländern. Die drei Völker erkannten, daß nicht blos politische Sympathien nachaußen, sondern die engste innere Verwandtschaft sie aneinander knüpfe. Diese undähnliche Betrachtungen wurden immer lauter im Norden, und die erste bemcr-kenswerthe Folge davon war der Besuch der schwedischen Studenten i» Kopenhagenim Frühjahre 1842, bei dem jedoch die politischen Elemente in den Hintergrundtraten. Erst als der Skandinavismus in dem im Süden wirkenden Germanismuseinen Gegensatz erblickte, wurde „der geistige Bund" eine Nebensache, und statt sei-ner machten sich politische Zwecke geltend, die jedoch ebenso unklar wie unpraktischwaren. Seit dem Jahre 1836 entwickelte sich der schleswigsche Sprachstrcik, unddamit verlor der Skandinavismus seine rein ideale Wirksamkeit und wandte sichzum praktischen Bewahren und Erwerben. Es erhoben sich in Dänemark die Stim-men gebildeter und patriotischer Männer gegen jene Agitation der kopcnhagcner Ra-dikalen, nicht, weil sie ihre Sprache weniger liebte», sondern weil sie einen Enthu-^""ms nicht billigen konnten, „dessen Folge» für Staat und Wissenschaft, bei denL^sächlich bestehenden Zuständen, unübersehbar waren". In der That gab dernur das Vorspiel zu dem Kampfe um die politische Lage und Eristenzcyieswigr. Während die Herzogthümer SchlcSwig-Holstcin den entzündeten Streitzu einer Ehrensache für Deutschland machten, appcllirtcn ihre Gegner an Skandina-v>en. Letzteres mußte aber erst da sein, und für ei» solches Foderniß war die Bil-