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Das Königreich Sardinien.
Die absolutistisch-klerikale Partei halte nun erreicht, was sie beabsichtigte. IhreMacht entwickelte sich mehr als je vorher. Die Polizei mit einem ungeheuer» Spio--nenhcer fiel ihnen gänzlich anheim. Politische Haussuchungen und Verfolgungen,Willkür jeder Art, wo und wie es nur das Interesse der Partei oder ihrer Protc-girtcn verlangte, gehörte» während der nächsten Jahre zur Tagesordnung. Die Kriegs-tribunale blieben bis gegen Ende (10. Nov.) 1855 in Thätigkeit. Der Sinn desKönigs war eingeschüchtert nnd verdüstert; seine Popularität auf längere Zeit er-schüttert und gebrochen. Die Schuld und der Fluch des absolutistischen Systemswurde aber geschickt von den Jesuiten selbst auf das Haupt des Königs gewälzt, umihn wo möglich auf immer in der Meinung des Liberalismus zu vernichten. DieFurcht vor einer Volkserhebung wurde lange Zeit bei Hofe rege erhalten, um daSGemüth des Monarchen vollends zu erschüttern, „der sich 12 Stunden während desTags freiwillig an seine» Stndircisch fesselte, in beständiger Aufmerksamkeit für die'Staatsangelegenheiten, und nichts Anderes sinnend und athmend als das Glück unddie weise Regierung seiner von der Vorsehung ihm anvertraute» Unterthanen". ^
Die Nadicalen nnd Republikaner waren entschieden niedergeworfen. Doch als ;man wieder etwas freier aufathmctc, begann die gemäßigt-liberale Partei sich zu con- Isolidiren. Von trefflichen nnd des beste» Rufs genießenden Männern geleitet, machte xsie sich selbständig an eine Reihe volksthümlicher Unternehmungen, sehten sie gleich- ssai» die suspcndirtc reformistische Politik Karl Albcrt's fort. Die gemäßigte Partei drief öffentliche Sparkassen ins Leben, gründete vermittelst Associationen Armenhäuser, !Klcinklttderbctyahranstaltcn und von den Jesuiten unabhängige Mustcrschulen. Trotzdes Widerstandes des Klerus, namentlich seines später zur traurigen Berühmtheitgelangten Hauptes, des turincr Erzbischofs Fransoni *), unterstützte und genehmigteKarl Albert diese Einrichtungen.
Wir übergehen »eine lange Reihe von mehr oder minder wichtigen Anstrengun-gen der Regierung zur Hebung der materiellen Landesintereffen, die Karl Albertselbst in den bewegtesten Tagen nicht aus den Augen verlor, und wollen nur die sbedeutender» Momente aus den letzten dreißiger und ersten vierziger Jahren hervor- 'heben. Die große eommcrzicllc Wichtigkeit Genuas erkennend, war eS des Königseifriges Bemühen, dem Handel dieser Stadt durch günstige Handelsverbindungen mitder Schweiz, Frankreich, Ostreich nnd England größer,, Aufschwung zu geben. !Sein Bemühen wurde über alle Erwartung gekrönt. Von Jahr zu Jahr hob sich !die eommcrzicllc Thätigkeit Genuas, das nun seine Vereinigung mit Piemvnt nichtmehr zu bedauern schien. Mit dem Aufblühen des gcnneser Handels ging eine mäch- jtigc Entwickelung der picnionlesischcn Industrie Hand in Hand. Unter Gallina's lLeitung wurde die Prosperität der sardinischcn Finanzen im westlichen und südliche» §Europa sprüchwörtlich. **) Unvergängliches Verdienst erwarb sich Karl Albert durch jdie Gründung der Municipal- und Provinzialvertretung, sowie durch seine durchgrei-fende Reform auf der Insel Sardinien.***) Der crasscstc Feudalismus drückte dieseunglückliche Insel noch nieder. Der Bauer zahlce nicht weniger als 0" 70 °/„ vo»der Frucht seines Schweißes an die Barone und die Geistlichkeit. Die Justiz
*) Zn Betreff Fransoni's schrieb Karl Albert später in einem vertraulichen Briefe:habe schon öfter gesagt und wiederhole es, daß er (Fransoni) seit einigen Jahren Möwen"von Geisteszerrüttung hat, was ihn beklagenswerthe Handlungen begehen läßt, über die S-c-weise vorliege». Zu den triftigsten gehört sein AuSspruch, daß ich ihn fürchte. 2ch ""wol Rücksichten für seincn bischöflichen Charakter haben,,, aber wie könnte ich jemalü einenmeiner Unterthanen fürchten? Ich fürchte nicht einmal Östreich, und bin bereit, auf memceigene Hand einen Unabhängigkeitskrieg zu unternehmen, und ich sollte den Marquis ruigFransoni fürchten!" (August 1810.) Vgl. die Documentensammlung Gualtcno S, Abty-,
**) Das pariser Hau« Rothschild bot Sardinien in, Jahre l8!!8 eine Anleihe von mehrenMillionen mit 18°/, Vortheil an: «in in den Annalen der Ainanzgeschichte einziger Fall.
—1 Vgl. des Grafen Zlarione di Pctitti „vollo al.vlirioiw llolla lvucislil» »c-U >-*<»"8-i-ckegna" (Turin 1810).