560 Das Königreich Sardinien.
aufeinander, daß zu einer allmaligen und sorgfältigern Rüstung dcS picnwntesischenHeeres keine Zeit blieb. Kaum vereinigten sich die ersten Conlingcnte, als in Frank-reich Ludwig Philipp's Thron zusammenbrach und bald darauf die Znsurrcclion vonMailand mit ihrer fieberhaften Rückwirkung auf Piemont erfolgte. Von den Lom-barden zu Hülfe gerufen, von der Agitation in Turin und Genua gedrängt, ent-schloß sich Karl Albert, trotz des Abrathens vieler Generale, trotz der Proteste derDiplomatie, den Feldzug mit einem noch nicht auf den Kriegsfuß gesetzten Heere zueröffnen. Mit wie großem Vertrauen und Stolze auch die Italiener auf dieses Heer,als das einzige regelmäßige und nationale in ganz Italien, Hinblicken durften, so wareS doch nicht frei von bedeutenden Mangeln und fehlerhafter Organisation. In derInfanterie, der Hauptstärkc jeder Armee, dienten die Couscribirten nach vollendetemzwanzigsten Jahre nur während der kurzen Zeit von 14 Monaten; dann kehrten sienach Hause zurück und waren bis zum achtundzwanzigsteu Jahre nur zu kurzenHerbstübungen verpflichtet. Diese Soldaten hießen „Provinzialtruppen". Vom acht-undzwanzigsten bis zum sechsunddreißigsten Jahre traten sie in die Reserve, die nurbei drohendem Kriege zu den Waffen gerufen werden konnte. Obwol die Piemon-teseu und Savoyarden von Natur muthig, zur Disciplin geneigt und ausdauerndsind, so genügte doch unmöglich die kurze active Dienstzeit, sie zu kricgSfertigen, gut-diSciplinirten Soldaten zu machen. Im vollen Frieden zählten die Compagnien etwa70 Mann, zur Hälfte auS Provinzial-, zur andern Hälfte aus Ordonnanztruppcn(von achtjährigem Waffendienst) bestehend. Durch Einberufung der Contiugente,d. h. fast vollständig frischer Rekruten, stieg die Zahl in jeder Compagnie auf 250Mann, sodaß der, größere Theil der Masse erst auf den Feldern der Lombardeiseine militärische» Übungen antrat. Einer der hauptsächlichsten Fehler in der Orga-nisation war diese außerordentliche Stärke der Compagnien; selbst in einem geübte» ,Heere läßt die Erfahrung dieselben im Kriege kaum 150 Mann übersteigen. Dazukani, daß jede Compagnie mir von vier Offizieren geführt wurde. Wie schwer cSaber selbst den tüchtigsten Offizieren werden mußte, so große Haufen zu überwachen,in militärischer Ordnung zu halte» und auf dem Schlachtfclde zu regieren, und wieleicht e- den Soldaten ward, sich unter diesen Umständen der Aufmerksamkeit ihrerAnführer zu entziehe», bedarf kaum der Andeutung.*) Zum Ruhme des picnionte-sischen Heeres, den selbst sein Gegner nicht bcstrilt, »ruß indessen bemerkt werden, daßder kriegerische Geist der Soldaten, ihre Liebe zum Könige und zum Llatcrlande demMangelhaften in Disciplin und Organisation bcwunderSwürdig auShalfen.
Erst gegen da» Ende dcS April war daS Heer Karl Albcrt'S completirt; <6zählte 60000, im Juni 7IOOO Man». Außerdem standen, bald nach Beginn dcSFeldzugS, 5000 ToScaner, 3000 Parmenscr und Modenescn, 17000 Römer, 5000Lombarden und 2000 Neapolitaner unter seinem Oberbefehle. Sämmtliche nicht pik'montesische Truppen waren zum größten Theile indiücipliuirt und irregulär; die Ebe-nen der Lombardei waren ihnen gleichzeitig Exercierplätzc und Schlachtfelder. Gene-ral Durando und Oberst Masfimo d'Azeglio (Letzterer berühmter Schriftsteller u>w !späterer sardinischer Ministerpräsident) standen an der Spitze der römischen Freiwildgen, welchen der Papst vor ihrem Abzüge au» Rom Fahnen und den Segen ,
heiligen Kriege" ertheilt hatte. Sie hielten seit ihrer ersten Ankunft eine» Theil deVenetianischrn und deS Friaul besetzt. Mit noch offenerm Widerwillen alshatte Ferdinand von Neapel — argwöhnisch gegen Karl Albert, dessen Staatenvcr-
v»!«>rv»/i,>nj »ulla purer» elr»' incliprnrlrnr» ei'llslj," (Turin lktN), welche be>» Ko
n>ae Karl Blbert beigelegt wird; „Umtoste, clo I m.iueevcljnn rl elo I» -,,n-
e-n 1«,.»". von Massen (Turin ItE), und von demselben Verfasser! i"
papno N- dsov.rv" (Turin I8t!1). Die beiden letzter» Schriften erschienen gleichzeitigitalienischer Übersetzung in Turin. . . . _ :ir«„na
») Eine ausführliche und genaue Schilderung de« piemontesischen Heere« bei Eroff« sde« Kriege» enthält d.e treffliche Schrift: „c-m.ielre.rie,«' ---I»''' k" »vvrnamonl.
<1rl niarro 18SS", von Sarl» Prvmi« (Turin 18«»).