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Das Königreich Sardinien.
und Landgemeinden Unterschriften zu Protesten gegen die Civilehe eintreiben, wobeivielfach Einschüchterung, Excommunicationsdrohung, Bestechung und ähnliche unwür-dige Mittel in Anwendung gebracht wurden. Das Land sah diesem Treiben derklerikalen Faction mit steigendem Unwillen zu, und die Presse, selbst die gemäßigtste,rief die Regierung um energischer« Widerstand an, zumal viele Führer der Agitationund die klerikale Presse es gar nicht verheimlichten, daß ihre Kämpfe sich nicht nurgegen die Civilehe, sondern auch gegen die neuen Institutionen und das Verfassungs-leben überhaupt richteten. Der Minister des Innern, Pernati, richtete ein Rund-schreiben an die Generalintendanten der Provinzen, welches gegen die Umtriebe desKlerus und dessen Unterschriftensammeln zu Protesten oder Petitionen an den Senatgerichtet war. Mein dieser Act, dessen Legalität angegriffen ward, reichte nicht aus,die öffentliche Meinung zu beruhigen und über die Ansichten und Absichten der Re-gierung zu vergewissern, zumal derselbe Minister vorher ein Circular an die General-intendanten behufs einer rigorosen Beobachtung der Sonntagsfeier gerichtet hatte.Zu dem klerikalen Treiben kam noch die viel und mit Recht getadelte Einmischungdes französischen Gesandten, Grafen His de Butenval, welcher, wie das französischeGouvernement später in halbofficiellen Organen erklärte, „unbesugterweise und seinMandat überschreitend" auf beschleunigte Lösung der römisch-sardinischen Streitfragendrang und mit den erbittertsten und einflußreichsten Führern der staatsfeindlichenFaction in ostensible Beziehungen trat. Auf das Verlangen von Erklärungen, wel-ches d'Azeglio als Minister des Auswärtigen deshalb an den französischen Diploma-ten richtete, antwortete Dieser gereizt und seiner, amtlichen Würde wenig angemessen,sodaß der Zwist einen persönlichen Charakter annahm, wodurch die herannahendeCabinetskrisis nur beschleunigt ward.
Während der Sommervacanzen des Parlaments wurde die Ungewißheit überdie Lage und nächste Zukunft des Landes sehr drückend. Häufig verbreiteten sichbeunruhigende Gerüchte; täglich wuchsen die Befürchtungen der Verfassungsfreunde.Das Land baute seine Hoffnungen mehr auf die Charakterfestigkeit und Loyalitätdes KvnigS als auf den guten, aber nicht durch genügsame Energie gestützten Wil-len seiner Räthe. Um dem Könige die wahre Stimmung und Gesinnung deS Lan-des zu offenbaren, begannen alle Provinzen, alle größer» und kleinern Städte, aus" eine flüchtige und ziemlich unscheinbare Anregung von der Hauptstadt aus, mit deneipmüthigstcn Voten zu Gunsten der Civilehe auf die klerikale Agitation zu antwor-ten. Die Municipien, die Provinzial- und DistrictSconseils beriethen über die MiS-stände der bestehenden Kirchcnordnung in Picmont, beschlossen Petitionen an dieDcputirtenkammcr und die Regierung für Sequestration der geistliche» Güter, An-Wendung der allgemeinen Militärdicnstpflichtigkeit auch auf die Kleriker, Aufhebungder Klöster u. s. >v. Dieselbe» Begehren wurden von Bürgern der Stadt- undLandgemeinden in Petitionen ausgesprochen, welche sich bald mit vielen Tausendenvon Unterschriften bedeckten. Überall traten sich die klerikale und liberale Meinunggegenüber, und beide Lager harrten mit gleicher Ungeduld auf die Entscheidung desKampfes. In dieser Lage verbreiteten sich endlich Gerüchte von dem Rücktritte desdenen am 20. Oct. 1852 bald die gewisse Kunde folgte,daß d Kzeglw seine Entlassung eingereicht und erhalten habe. Seinem Beispiele ka-men "ahCibrario, dann die übrigen Minister. Seit den Unglück-tagennach der wchlacht bei Novara hatte der gute Sinn der Pieinontesen keine schwerereProbe zu bestehen gehabt. Mitten in der Aufregung der Parteien und währendein beunruhigendes Gerücht dem andern folgte, sah sich da« Land einer festen Nr-gierung beraubt und den Provokationen einer fanatischen Faction preisgegeben. Abertrotz dieser Provokationen, trotz der Heftigkeit und des langen Verlaufs der Krisisgab die Bevölkerung der Hauptstadt wie der Provinzen keinen Augenblick ihre ernsteund würdige Haltung auf.
Als eigentlicher Knotenpunkt der Krisis erschien die klerikale Frage, oder näherdie Beilegung der römisch-sardinischen Zwistigkeiten, welche die schlaue und zähe An-