Lübeck.
607
Der Hansabund der 77 Städte, die ihm beigetreten, war ein Staat in vielenStaaten, denn die Städte der verschiedensten Herren gehörten ihm an, beschicktenseine regelmäßig ausgeschriebenen Tagfahrten, aus denen Lübeck als Veranlassen»des Bundes den Vorsitz führte, und schrieben der Welt Gesetze vor. Ein sichtbaresHaupt hatte der Bund nur insofern, als Lübeck Hauptort der Hansa war, und dievorzüglichsten Beschlüsse und Unternehmungen im Schosse der mächtig wachsendenStadt gefaßt und eingeleitet wurden. Keine zum Bunde zählende Stadt weigertesich diesen Beschlüssen Folge zu leisten. Sie stellte Truppen, rüstete und bemannteSchisse, wenn der Zweck, die Erhaltung und die Ehre der Hansa, einen Kreuzzuggebot, und die eigentlichen Landesherren solcher Städte hatten gegen dieses seltsameGebühren nichts zu erinnern! Wie sonderbar, wie verworren, wie völlig haltlosmußte ein Staatswesen sein, das Derartiges nicht nur dulden, nein gutheißen durfte!Und doch waren jene Tage der Zerrissenheit des Reichs weitaus die glorreichstendeutscher Geschichte! Denn damals besaßen deutsche Städte eine zahlreiche Kriegs-flotte, die Admirale der Hansa schlugen wiederholt siegreiche Seeschlachten, jagtenmehr denn ein mal mit der fliegenden KreuzeSfahne am Mast den grimmigen Dä-nen heim über die Bclte, eroberten, plünderten und verbrannten die Königsburg zuKopenhagen und zwangen Waldemar lll., nachdem sie zwei mal seine Flotten ver-nichtet hatten, das fruchtbare Schonen an den Bund abzutreten, an dessen flachenKüsten der Häringsfang, welchen vorzugsweise lübecker Kaufleute betrieben, diesenTonnen Goldes eintrug.
Solchergestalt entwickelte sich eine ursprünglich nur Handelszwecke verfolgende,rasch ausblühende Bürgerstadt durch glückliche Lage, durch Gunst der Umstände unddurch ganz eigenthümliche, wahrscheinlich nie wieder vorkommende staatliche Verhält-Nisse zu einer politischen Macht ersten Ranges; denn der Glorienschein des Ruhms,den sich der Bund der Hansa im - diplomatischen Jntriguenspiel wie im Getümmel! > der Feld- und Seeschlachten errang, haftete vorzugsweise an dem Haupte des Bun-I des und umleuchtet, wenn auch zur Unkenntlichkeit abgeblüht, noch heute die grauenZinne» der alterthümlichen Stadt.
Zur Befestigung der Handelsmacht, die dem Bunde immer Hauptsache blieb,
! und aus welcher in zweiter Reihe erst die politische Machtstellung entsprang, die manwieder aufrcchthalten, ja möglichst erweitern mußte, um der Vortheile der Handels-macht nicht verlustig zu werden, legte der Bund unter Lübecks Vortritt im Westenwie im hohen Norden seine Comptoire oder Factoreien an, die, wenn auch nicht inso großartigem Maßstabe wie in der neuern Zeit jene der Engländer in Ostindienbetrieben wurden, doch ganz gleiche Zwecke verfolgten. Die Handclscomptoire derLübecker in Bergen, auf Schonen, in Wisby auf Gothland, in Riga, in Nowgorod;ferner in Antwerpen, Brügge, London u. s. w. waren nichts weiter als klug aus-geworfene Netze des HansabundcS in fremden Ländern, um durch erworbene Privi-legien und Gerechtsame oft seltsamster Art Reichthümer zu erwerben und die erwor-benen Schätze anf lübeckischen Schiffen heimzuführen in die geliebte Metropole ander Trave. Nicht selten bildeten diese Comptoire einfacher Kaufleute kleine StaatenI Staaten, wie z. V. in der russischen Republik Nowgorod, wo der den
' Störende Stadtthcil gleich einer Festung mit Mauern umgürtet war und
verschlossen werden konnte. Weil alle diese Handelscommanditen — denn etwas An-j deres waren dre Comptoire ursprünglich nicht — nur von Privaten, die als Corpo-ration zusammentraten, nicht vom Bunde der Hansa als einer moralischen PersonAusgingen, nannten sich viele derselben nach den Orten, wo sie gehalten wurden,
> vorzugsweise von Lübeck aus der Handelsverkehr sich richtete, und aus denen
wieder in die Muttcrstadt der Gewinn dieser ausgebreiteten Handelsthätigkcit
Diese tzen, Geiste der damaligen Zeit ihre Erklärung und
uuvcnoe
städtische Versass,
wcnoe Einrichtung konnte nicht ohne Rückwirkung azss die innereung der dem Bunde angehörenden Städte, namentlich aber Lübecks