Band 
Achter Band.
Seite
632
JPEG-Download
 

632

Lübeck.

fen. Nur aus de» höchst wunderlichen mittelalterlichen Einrichtungen und zahlrei-chen Privilegien Lübecks ist cS zu erklären, daß ein sich so ganz von selbst verste-hendes natürliches Recht einem Gemeinwesen vorenthalten bleiben konnte. Es wardies eine der vielen Abnormitäten, welche unter der Firma „Gesetz" Geltung gewon-nen haben. Travemünde war von jeher nur als Ankerplatz sür tiefgehende Seeschiffevon Lübeck aus betrachtet und benutzt worden. Dabei befand sich sowol die lübeckerKaufiiiannschaft als auch die ansehnliche Zahl der „ Vcrlchntc» ", von denen wirspäter zu sprechen Gelegenheit haben werden, sehr wohl. Travemünde dagegen littunter den ihm auferlegten Beschränkungen. Die Zeit der großen Bewegung, dieim Bloslcgcn alter Schäden eine bewundernswürdige Geschicklichkeit entwickelte, zeigteden» auch die Wunden, an denen der Hafenort a» der Trave litt, und es war ganzin der Ordnung, daß man ernstlich an deren Heilung dachte. Das war aber keineleichte Aufgabe; denn Das, was Travemünde als' selbständigem Städtchen nütze»konnte, bcnachtheiligke möglicherweise Lübeck oder doch gewisse Corporationcn der Me-tropole. Und soweit ging weder die republikanische Tugend der Lübecker noch derenGemeinst»», um zum Besten Anderer, wären diese auch Bürger desselben Staats,ohne Weiteres Opfer zu bringen. Einzelne sprachcn allerdings für die Genehmigungder Federungen Travemündes; die Mehrzahl fand dieselben nicht im wahren Inter-esse Lübecks.

Um darzuthun, wie seltsam stiefmütterlich Travemünde von Lübeck behandeltwurde, und in welcher Abhängigkeit es zum Theil noch jetzt gehalten wird, mögehier nur Folgendes angeführt werde». Lübecks Handel in Korn, Eisen, Holz undSteinkohlen ist bedeutend. Alle diese Produkte werden fast ausschließlich seewärtseingeführt, kommen also erst nach Travemünde und von da die Trave herauf nachLübeck. Dennoch durften mit solchen Waaren befrachtete Schiffe nicht nur nicht inTravemünde gelöscht und die ausgeladenen Waaren daselbst in Speicher gelegt wer-de»; die Bewohner von Travemünde waren sogar gezwungen, ihren Holz- und Koh-Icnbedarf, nachdem er an ihren Häusern vorbcigcschwommcn, von Lübeck zu beziehen!Diese Bcrhältnisse sind auch heutzutage immer noch nicht viel anders geworden!

Die stiefmütterliche Behandlung Travemündes, in welcher alle Vernünftigeneine Ungerechtigkeit sehen, ist ein dunkler Fleck in Lübecks Staatseinrichtung, denganz zu verwischen noch eine geraume Zeit hingehen dürfte. Freilich begreift sichleicht, weshalb die alte Metropole mit starrer Zähigkeit an dem Hergebrachten indieser Beziehung hält; indessen gehört doch auch diese Zähigkeit zu Dem, waS derLübecker selbst ,, BockSbeutcl" nennt. Allerdings schilt Jeder über diesen „Bocks-beutcl", sobald er persönlich davon belästigt wird; hat er aber Vortheil von dessenAnfrcchthaltung, so darf Niemand von Beseitigung desselben reden.

Lübeck wollte sich jedoch gründlich rcgenerircn, und so dachte es denn auch denEinwohner» von Travemünde gerecht zu werden, d. h. soweit, daß eö selbst nichtunter den etwa zu machenden Concessionen litt. Aus diesem Grunde hütete ma»sich wol, dem Gedanken Raum zu geben, die projectirte Eisenbahn bis TravcinN»dtzu verlängern. Davon hätte unbedingt nur Travemünde, nicht aber Lübeck Vorthe"gezogen, und das hätte man doch der ehrsamen Bürgerschaft gegenüber nicht verant-worten mögen. Ohnehin blieb ja auch in Bezug auf Lübecks Verkehr noch s"ssviel zu wünschen übrig, und es bedurfte großer und allgemeiner Anstrengungen,nicht von andern Nachbarstädkcn überflügelt zu werden. Von diesen war besonderdas bel btc Rostock zu fürchten, weniger Kiel, obwol Lübeck durch dasselbe nicht un-beträchtliche» Abbruch schon erlitten hatte. „ ,

Bis I8i!> besaß der Staat Lübeck kein einziges ihm eigenthümlich zugchorendeSccdampfschiff. Nur auf der Trave ward der kleine Dampfer „Merkur" nSchleppschiff benutzt. DaS Bedürfniß, wenigstens ein tüchtiges Scedainpfsclnss ibesitzen und dasselbe regelmäßig I» Fahrt nach Kopenhagen zu setzen, ward scho"—gesuhlt. So bildete sich denn eine lübecker DanipsichiffahrtSgesellschast.selbe erbaute auf Actien das schöne Dampfboot „Lübeck", das eine Maschine

I