109
Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—49.
maßgebend sein werde, weil ihm jede Partei zutraute, daß er sein neues Banner mitHartnäckigkeit und Klugheit vertheidigen werde: eben darum hofften von ihm dieDemokraten, die Aristokraten, die specifischen Baiern und die halben Einheitsfreundegleichermaßen. War nicht von vornherein mit ihm zu gehen, so konnte man dochvielleicht die Bahn eines Compromisses gebrochen sehen. Die Erklärung Baierns vom23. April war ein Ercigniß — solange man fic nicht in ihrem ganzen Umfangekannte. Und desto stärker wirkte die allseitige Enttäuschung, als sie vorlag; auchohne daß nian noch wußte, wie Graf Lerchcnfeld-Köftring an demselben 23. Aprilseinen Austritt aus den Berliner Conferenzcn über die Reichsverfassung vorzugsweisedadurch motivirt hatte: daß nicht zu wissen sei, wie Östreich, Rußland und Englandsich zu der deutschen Oberhauptsfrage verhalten würden.
Offenbar setzte auch der neue Minister Baierns auf die moralische Wirkungder Note vom 23. April außerordentliche Hoffnungen. Nicht genug, daß ihr . Wort-laut von, der „Frankfurter Zeitung" fast in demselben Momente veröffentlicht wurde,wo die Übergabe des Documcnts im berliner Cabinet erfolgte, mußten auch die „flie-genden Buchhändler" der Münchener Straßenecken mit einem Abdrucke desselben dergeringen Verbreitung der vfficiellen „Neuen Münchener Zeitung" im eigenen Landehülfreich unter die Arme greifen. Ünd was gab die Note? Um Baierns Verein-barungstheorie nochmals zu begründen, berief sie sich einleitend auf die bundestägli-chen Ausschreiben vom 30. März und 7. April 1848, wonach „ Nationalvertreterfür die zwischen den Regierungen und dem Volke zu Stande zu bringende deutscheReichsverfassung gewählt werden sollten". Aber diese Ausführungen hatte man be-reits verschiedentlich in bairischcn Manifesten gelesen, sogar fast wörtlich gleichlautend.Man empfing also jetzt wieder abgenützte Reste der Bray'schen Hinterlassenschaft.Im nächsten Abschnitte fand sich ein olmüher Widerhall. Derselbe beschuldigte dieNationalversammlung der „Ausschließung" Östreichs, welche „eine Verleugnung derganzen deutschen Geschichte und ein Undank des übrigen Deutschland gegen Östreich,das zu keiner Zeit die deutsche Sache verlassen habe" genannt ward. Hierauf folg-ten von neuem Bray'sche Ansichten: daß nämlich der deutsche Bundesstaat durchdie Reichsverfassung in einen Einheitsstaat verwandelt worden sei, dessen charakteri-stisches Zeichen das Kaiserthum und die alle Einzelstarten zersetzende Centralisation.„Eine solche Centralisirung eines großen Volks", hieß es weiter, „ist nach demZeugnisse der älter» und neuesten Geschichte das Grab seiner gleichmäßigen Ent-wickelung und Bildung, seiner innern Ruhe und selbst seiner Freiheit." Dafürwurde das „ Stammeslcben" gefeiert; denn dadurch entfalte sich die Gesammtkraftder Nation. Dagegen sei es das Gefährlichste, wenn einem Volke eine Verfassunggegeben werde, die seinem Wesen widerstreitet; denn entweder werde alsdann dieseVerfassung selbst nicht ins Leben treten, oder sie werde das Leben und die geistigeKraft des Volks vernichten. Die von den Nationalvertretern beschlossene Verfassungwidersprach also — meinte die Note — dem Wesen des Volks. Wo aber bliebennoch verfassunggebende Factoren? In den Regierungen? Also diese kannten dasWesen des Volks besser, oder sollten es im schlimmsten Falle darauf ankommen las-se^ daß überhaupt keine Verfassung ins Leben trete, wen» die Kraft der Octroyirungnicht stark genug sein würde, das Leben und die geistige Kraft des Volks zu ver-nichten ? So lauteten die Gegenfragen im Publicum. Und weiter wurde die Kund-^.öamschm Kammern gegen die Trennung von Östreich und ein preußi-sches Erbkaiserthum mit Ubergehung aller nachfolgenden Ereignisse als unwiderleglichedecentralisirenden Reichsverfassung bezeichnet, obgleich „die bai-rische Regierung keineswegs verkennt, daß die deutsche Nation einer kräftiger» Eini-gung bedarf und fähig ist, als sie bisher genoß". Also doch eine bundesstaatlicheVerfassung? Keineswegs, wenn man es auch so nannte. Vielmehr meinte dieVote: es durft „nicht unbeachtet bleiben, daß jedem Volke in der Weltgeschichte seinesonderer Beruf zukommt, daß die politische Macht nach außen weder die einzigenoch die edelste Aufgabe eines Volks ist, daß der Grad derselben nicht blos durch