Die deutsche Flotte.
III
Die deutsche Flotte
von ihrer Gründung bis zu ihrer Auflösung.*)
Au allen Zeiten sind die deutschen und nordischen Völker tüchtige Seefahrer ge-wesen. Sachsen, Friesen und Franken treten als solche in die Geschichte ein. DieChauken an der untern Weser beunruhigten schon im 1. Jahrhundert unsererZeitrechnung die Küsten des heutigen Frankreich. Schon seit dem 3. Jahrhun-dert landeten Sachsen und Angeln in Britannien, das sie später eroberten und Eng-land nannten. Was die Phönizier und Griechen nickt verstanden: mit halbemWinde zu segeln, das erfanden die germanischen Seeleute und steuerten so ins hoheMeer hinaus. Den Compaß kannten sie früher als die Italiener, welche den Giojaaus Amalfi als dessen Erfinder angeben; die Striche desselben führen bei allen Völ-kern deutsche Namen. Lange zuvor, ehe Holland und England als Seemächte zähl-ten, schickten die Hansen mächtige Flotten in See; sie haben auch zuerst Kanonenauf die Schiffe gebracht. Gewaltige Thaten geschahen zwischen 1099, wo bewaff-nete Schiffe Bremens die Kreuzfahrer im Orient unterstützten, und 1534, wo dielübeckische Flotte, im Bunde mit einigen Ostseestädtcn, die mit den skandinavischenKronen verbündeten holländischen Schiffe aus der Ostsee trieb. Mit Wullenwcberging indessen auch der Abendglanz des Hansabundcs zu Ende. Des Großen Kur-fürsten von Brandenburg Versuche, eine Flotte, und Colonien sich zu schaffen (seit1675), gab der zweite Nachfolger, König Friedrich Wilhelm I. 1720 aus, und aller-dings war damals Preußen noch viel zu schwach, um die Lasten einer Land- undSeemacht allein tragen zu können. Doch erlosch die Erinnerung an die frühere See-größe in dem deutschen Volke nicht, und bei günstiger Gelegenheit, in dem Momenteeines allgemeinen Aufschwungs trat der Gedanke an die Wiederherstellung einer See-macht sofort in den Vordergrund und suchte sich zu verwirklichen.
Theoretische Anregungen.
Der Ausgangspunkt für diesen wie für andere Gedanken deutscher Einheit undGröße ist das Jahr 1840. Vorher haben wir nur aus dem Jahre 1817 eineHindcutung auf die deutsche Flotte zu bemerken. Als Corsarenschiffe dem deutschenHandel sogar innerhalb der Nordsee empfindlichen Schaden zufügten, und hierüberBeschwerde bei dem Deutschen Bundestage einlief, wies der badische Gesandte dieDringlichkeit und Möglichkeit einer deutschen Marine nach, um einen selbständigenSchutz zu gewinnen, „welcher die Nakionalehre wie das Gesammtinteressc der deut-schen Handelsindustrie und des deutschen Völkerrechts wider Schmach und Verletzungzu sichern allein im Stande sei". Dabei blieb es! Es war erst das Zusammen-treffen des Thronwechsels in Preußen mit den französischen Rheingelüsten, welches
) Unter dem Titel „Die deutsche Kriegsflotte" theilten wir im Herbst 1848, im erstenBande der „Gegenwart", S. 439—472, einen Artikel mit, der Deutschlands Seestellung undSeemteresse erörterte, unsere nationalen Hülfsmittel zur Herstellung einer Flotte allseitig inSAuge faßte, und auch die verschiedenen Schritte aufzahlte, welche seit den Märztagen in dieserAngelegenheit mit Erfolg gethan worden waren. Der Verlauf der damaligen Bestrebungen,dem Gesammtvaterlandc eine KriegSwchr zur See zu schaffen, ist indessen den ersten Anfängenund den patriotischen Hoffnungen und Opfern so entgegengesetzt ausgefallen, daß wir nochmalsm dtesem Werke auf die Sache zurückkommen und einen actenmäßigen Bericht über die Ver-kümmerung und das schnelle Ende jenes ersten Versuchs für eine deutsche Kriegsflotte mit-theilen wollen. Die gegenwärtigen Anstrengungen Preußens, seinen eigenen Seekräften eineumfassendere und selbständige Entwickelung zu geben, noch mehr die Ereignisse zur See, welchesich im Kampfe der Westmächte gegen Rußland an unsern nördlichen Küsten vorbereiten undunsere kommerziellen wie politischen Verhältnisse so tief berühren müssen, legen uns ohnediesdie Erinnerung gerade an diesen Gegenstand sehr nahe. D. Red.