Östreich. III
siegreichen Revolution aufgestellt wurden, fehlte in Ostreich das rechte Verständniß,ja vielfach auch das unmittelbare Bedürfniß. Sie waren nicht in das Fleischund Blut der Bevölkerung übergegangen, sie konnten deshalb auch derselben wiederentfremdet werden. Zunächst konnten sie nur bei den Mittelclassen, bei der inOstreich weniger hervorragenden städtischen Bevölkerung festen Fuß fassen, hier alleindie Fragen über parlamentarische Bewegung, Glaubensfreiheit u. s. w. Interesse er-regen. Auf den Charakter der östreichischen Bourgeoisie kam es demnach an, obauch diese Fragen eine erfolgreiche Lösung finden würden. Monopolsüchtig, wort-reich und thatenarm, mehr räsonnirend als liberal, wegen mangelnder Bildung fürfreie Formen weniger zugänglich, überdies wankelmüthig und stets geneigt, den ma-teriellen Gewinn als Maßstab für den Werth des Errungenen zu nehmen, mußtesich die östreichische Bourgeoisie nach kurzer Frcudenzeit mit den alten Verhältnissenbegnügen. Für sie allein hatte die Revolution keine Gaben, die Regierung keineRücksichten, denn jene verstand sie nicht, von dieser wurde sie nicht gefürchtet. Mandenke an den flatterhaften Sinn der pesther Bevölkerung, an den Servilismns derwiener Bürger gegen die Aula, an den Judenhaß, die Zunftliebe, die Absonderungs-gelüste der prager Bourgeoisie, um jenes Urtheil nicht ungerecht zu finden. Be-kräftigt wird dasselbe auch durch den Zustand der politischen Presse.
Man kann den Mittelstand nicht verantwortlich machen für die Erbärmlichkeitder Publicistcn, welche besonders in Wien Geist und Sprache mishandelten, wolaber für die Theilnahme, von welcher jene Erbärmlichkeit sich nährte. Wie überall,so war auch hier die Presse der Widerschein des öffentlichen Bewußtseins und inihrem Wesen von der Beschaffenheit des lehtern abhängig. Bis zum Jahre 1848besaß Ostreich keine politische Presse, nicht einmal eine ausgebildete, auch für -größereAnsprüche berechnete Journalistik. Abgesehen von Ungarn, welches auch in dieserRücksicht besser bedacht war, so kam auf jede Provinz nur ein einziges politi-sches Blatt — die Regierungszeitung. In zweisprachigen Ländern wurde diese inbeiden Landessprachen herausgegeben, ohne daß deshalb der Inhalt und Werth sichwesentlich voneinander unterschieden hätten. Als Regel bei diesen Zeitungen galt,die östreichischen Verhältnisse unbesprochen zu lassen. Dafür existirten die ihrer Zeithochberühmten „Grenzbotcn" und sorgten die Hamburger und leipziger Pressen mitihrem unerschöpflichen Vorrathe an politischen Schriften über und gegen Ostreich.Es bildete sich bald unter dem Titel: verbotene Bücher, ein eigener Litcraturzweigund Handelsartikel aus, in welche Kategorie jede Schrift fallen mußte, sollte sie inOstreich viel gekauft und gern gelesen werden. Die Lieblingslecture des Adels undder höhcrn Stände bildeten namentlich die auf das strengste verbotenen, nichtsdesto-weniger aber in Prag und Wien zu vielen Hunderten von Exemplaren abgesetzten„ Grenzbotcn". Die Revolution machte dieser Schmuggelliteratur ein rasches Ende.An demselben Tage, an welchem die wiener und prager Buchhändler Kuranda's „Grenz-boten", Schuselka's Schriften, Andrian's Werke u. s. w. öffentlich ankündigten —und sie thaten dies bereits am 16. März — verloren alle diese auf die Unmündig-keit und Neugierde der östreichischen Völker berechneten Publicationen ihren Reizund wurden durch eine unbeschränkt freie, heimische Literatur ersetzt. Gab es frühernur Regierungsblätter, so traten auch die bisher von der Regierung privilegirtenZeitungen in die Reihen der Opposition und ließen, seltsam genug, hinter die officiel-len Kundmachungen sofort eine Reihe der schärfsten Artikel im oppositionellen Sinnefolgen. Jeder Leser, welcher den schmalen Strich, der die officicllen Nachrichtenvon den nichtofficiellen trennte, übersah, mußte nothwendig, wenn er in den weiter»Spalten den Kampf der Regierung gegen sich selbst, die Opposition des Regierungs-blattes gegen die Regierung gewahrte, den Glauben an den politischen Verstandder Regierung, vielleicht auch den Glauben an den eigenen, Verstand verlieren. Nichtweniger auffallend war die Umwandclung des alten „Östreichischen Beobachter"zu einer höchst liberalen Zeitung unter der Redaction E. von Schwarzer's und der