136 Östreich.
schusscs zur Besorgung der für den Augenblick wichtigsten Geschäfte" traten ani15. März 12 Ständeglieder und 12 Bürger zusammen, zu dem Behufe die Vor-arbeiten für die Reicheverfassung zu liefern und das Ministerium in seiner legislati-ven Thätigkeit zu unterstützen. Das Gemcindewesen, die bäuerlichen Verhältnisse,die Justiz- und Schulreform sollten hier erörtert und die bezüglichen Anträge undVorschläge der Regierung vorgelegt werden. Der Gang der Revolution machte die-sen Berathungen ein rasches Ende und setzte der Thätigkeit des Landesausschussesein schnelles Ziel. Wer erinnerte sich wol der Landstände, als es sich später umVerfassungsfragen handelte? war ja doch selbst die Thatsache, daß sie über die Ver-fassung beriethen, nach wenigen Wochen von den meisten Menschen vergessen. Eineinziges mal verlautete nähere Kunde über die Thätigkeit des Ausschusses. Am12. April versammelten sich nämlich auf seine Anregung die ständischen AusschüsseÖstreichs, Stciermarks und Mährens, um sich über die Grundzüge der Verfassungzu einigen. Das Resultat dieser Versammlung war aber nicht geeignet, das poli-tische Ansehen der Stände zu heben. Es zeigte den spröden Provinzialgeist, der sichzu keiner einheitlichen Anschauung des Staats emporheben, die provinziellen Unter-schiede nicht vergessen konnte.
Die Studenten improvisirten, die Bürger und Landstände reformirten die poli-tischen Autoritäten, soweit sie in ihr Bereich fielen. Der gleiche Ruf erging an dieCentralregierung. Eine Umgestaltung war hier, nachdem die Constitution proclamirtund die Träger des alten Systems vertrieben waren, auch formell eine Nothwendig-keit. Das Vorbild anderer constitutioncller Staaten wies auf die Errichtung einesverantwortlichen Ministeriums hin. Bereits am 20. März erfolgte die Bildung desMinisteriums, in dessen Reihen Namen figurirten, deren Zustimmung man gar nichtnachgesucht, die alle aber bereits im alten Staatsschematismus in Amt und Würdegestanden. Daß kein Programm existirtc, versteht sich von selbst, kaum ein Ver-ständniß der Aufgabe, am wenigsten eine Kenntniß der Hilfsquellen der Regierungund der Muth, sie zu benutzen. Daß der Staatsrath erst am 1. April ausgelöstwurde, der Hoskriegsrakh gar erst am 51. Mai, waren nicht die größten Anomalien.Als die größte muß aber der Glaube bezeichnet werden, diese alten, verbrauchtenKräfte würden im Stande sein, die kaum erst begonnene Revolution rasch und glück-lich zu Ende zu führen. Es fehlte diesem Ministerium, wie allen aus der altenSchule hervorgegangen«» Staatsmännern, ebenso sehr an Genie, um die Bewegungzu leiten, als an Muth, sie zu bewältigen. Als Ministerpräsident wurde der uralteGraf Kolowrat genannt. Seit Jahren das Werkzeug seiner Secretäre, sollte er nunauf einmal die Richtung der Politik angeben, die Dienste des Steuermanns verrich-ten. Und dies auf kein anderes Verdienst hin, als daß ihn ein weit verbreitetesGerücht als Gegner des Fürsten Metternich schilderte, was ihn freilich nicht gehinderthatte, 20 Jahre gemeinschaftlich mit dem Letzter» am Ministertische zu sitzen. Alsdie zweite prager Deputation im Anfange des Monats April in Wien ankam, umausgedehntere Rechte für Böhmen und die Czechen zu erlangen, als der ersten De-putation waren gewährt worden, da überließ es der Ministerpräsident Kolowrat denDeputirten, sich die Antwort auf ihre Petition aufzuschreiben und selbst die Summedes zu Gewährenden zu bestimmen. Mit zitternder Hand unterschrieb er, was ihmdie Bittsteller als kaiserliche Entscheidung vorlegten. Dies bezeichnete am deutlichstenKolowrat's Charakter und die Stellung des Ministeriums.
Kolowrat zur Seite standen: Graf Ficquelmont, ehenials Gesandter in Peters-burg, für das Äußere; der Präsident des Justizhofs, Graf Taaffe, für die Justiz;der Hofkammerpräsident Baron Kübeck für die Finanzen. Krieg und Unterrichtwurden erst später durch den General Zanini, einen Hofkricgsrathsbeamten, und denältern Herrn von Sommaruga besetzt. , Die innern Angelegenheiten leitete der frühereHofkanzler, Freiherr von Pillersdorf. Äußere Politik trieb man damals, nur allzu sehrmit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt, nur wenig, und so bildete der Minister