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Östreich. 139
bar höchsten Siege der Revolution schon der Keim zu ihrer Niederlage verborgenlag und die Macht der Regierung gerade an ihrer Noth in Italien erstarkte. DieUrsachen und Wirkungen verkehrten sich, das Glück wurde zum Unheil, der Sieg zumVerderben.
Gern hatte der polnische Adel in Ealizien das Beispiel der Lombarden nach-geahmt, zur gewährten Freiheit die Unabhängigkeit auf die Fahne hinzugeschrieben,und die Gelegenheit benutzt, den Traum des freien Polens zu verwirklichen. Auseiner doppelten Ursache mislang jedoch hier der Versuch. Außer der nationalenMißstimmung herrschten in allen slawischen Provinzen große sociale Übelstände, diesich in der Unfreiheit des bäuerlichen Eigenthums, in der Gerichtsbarkeit der Grund-obrigkeiten zusammenfassen ließen. Die revolutionäre Bewegung nährte sich vonbeiden Stoffen: sie verlangte die Anerkennung nationaler Rechte, sie reclamirte dieFreiheit der Bauerngüter, die Aufhebung des Unterthanverbandcs. In Böhmen störtenicht der eine Ruf den andern; hier waren es dieselben Menschen, welche die Eman-cipation des Bauernstandes und der niedergehaltenen Nationalität soderten. Andersin Galizien. Hier trennten sich die Interessen und kreuzte sich die Bewegung. Ander Spitze der nationalen Partei stand der Adel, die Grundherren. Diese warennatürlich bei der Nobotaufhcbung nur mit halbem Herzen, wenn nicht gar offeneGegner der Bauernemancipation. Die Bauern dagegen trauten nicht der nationalenBewegung, welche sie in ihren Unterdrückern verkörpert sahen, von welcher sie dieFortdauer ihres materiellen Drucks befürchteten. Ohnehin ist Galizien nicht reinpolnisch, sondern in seiner größer» östliche» Hälfte von Ruthenen *) (in Spracheund Religion von den katholischen Polen verschieden) bewohnt; diesen aber, zumeistBauern, war an einem unabhängigen Polen keineswegs so viel gelegen wie denAnwohnern von Krakau. Die Bauern überhaupt, die Nuthenen insbesondere, hiel-ten es mit der östreichischen Regierung, oder, wie sie sich ausdrückten, mit den kai-serlichen Beamten, ihren natürlichen Schirmern im Streite mit den polnischen ade-ligen Grundherren. Alle politische Thätigkeit der nationalen polnischen Partei stießdemnach im Schoose des Volks selbst auf Widerstand, und die östreichische Regie-rung brauchte nur ihren freundschaftlichen Charakter in Bezug auf die Baucrnclasse,zu bewahren, um sich von dieser Seite sicherzustellen. Sie that es! Mit einerGewandtheit, wie sie auf administrativem Gebiete sonst selten war, benutzte sie diegegebenen Verhältnisse, begünstigte die Bauern und zwang die in Erinnerung jüngstvergangener Ereignisse nicht wenig geängstigten Adeligen, sich unter den Schutz derkaiserlichen Behörden zu stellen. Die Autorität der Krcisämter wurde der Schirmder Grundherrn gegen die Empörnng der Bauern. Die Grundherrn! konnten die-sen Schirm nicht entbehren, setzten aber dadurch ihren eigenen politischen Tendenzeneine enge Schranke. Diesen glücklichen Erfolg verdankte die Regierung dem GrafenFranz Stadion, der seit 1846 an der Spitze der Verwaltung Galizicns stand undstetig bemüht war, ans dem Zwiespalte zwischen dem Adel und den Bauern Nutzenzu schöpfen. Schwerlich läßt sich für diesen Staatsmann — den einzigen, welchendie Revolution nicht unvorbereitet traf und feige machte — diese Politik zum Vor-würfe stempeln. Sie lag in seiner Stellung und war überdies unabhängig von ihmin den Thatsachen vorbereitet. Begreiflich bleibt aber auch der gründliche Haß, mitwelchem ihn die adelige polnische Demokratie verfolgte. Auf dem Reichstage, woStadion als einfacher Deputirter saß, erhob sich fast niemals ein Pole, ohne eineAnklage gegen den Gouverneur Ealiziens zu schleudern und sein Verfahren als
*) Es ist eine bekannte Redensart, daß die ruthenische Nationalität im Jahre 1848 vvmGrafen Stadion erfunden worden sei. Jeder Kenner osteuropäischer Zustände weiß aber, daßder kleinrussischc Stamm seit Jahrhunderten eine nationale Selbständigkeit bewahrt, ja sogareine große cultmgrschichtliche Rolle gespielt hat. Die Zahl der Ruthcnen oder Klcinruffen be-trägt 13 Millionen, wovon 10 Millionen auf Rußland und etwa 3 Millionen auf Östreich ent-fallen. Ihr Sprachgebiet geht von Ungarn (marmaroscher Comitat u. s. w.) durch Südruß-land bis nahe an das Asowsche Meer.