Ostreich. 141
gesprochene» Idiome ist im Stande, die deutsche Sprache als allgemeine zu ersetzen,denn die Herrschaft keiner einzigen reicht über ihr unmittelbares Naturgcbiet hinaus.Gebildete Magyaren, Polen, Czechen, Serben verstehen die deutsche Sprache, diepolnische, magyarische, czechische dagegen haben noch nie über die nächste Nachbar-schaft hinausgegriffen. Das centralistrte Ostreich wird demnach stets deutsch seinund bleiben. Dies begriffen die slawischen Staatsmänner sehr wohl und bestandendeshalb auf der Föderation, welche kleine selbständige Sprachkreisc gestattete, und in-dem sie die Summe des Gemeinsamen in Ostreich minderte, auch die Macht desGermanismus, des Hauptfeindes der slawischen Tendenzen, brach.
Der Erfolg hat die Idee des austroslawischcn Föderativstaats gerichtet: es bliebnichts von ihm übrig als nur die Idee. Dennoch aber bleibt die Konsequenz, mitwelcher dieselbe namentlich von den czechische» Staatsmännern bis zum letzten Au-genblicke, wo eine freie Discussion gestattet war, verfolgt wurde, anerkennenswerth-Schon lange vor dem Ausbruche der Revolution waren in Böhmen auf literarischcmWege die Geister dafür vorbereitet worden, hatte man für die Slowaken und Kroa-ten gegenüber der monvpoiisirenden Politik des preSbnrger Reichstags Partei genom-men, in allen flämischen Provinzen Verbindungen angeknüpft, sich kennen gelerntund seine nationalen und politischen Wünsche formulirt. Ohne Aufsehen und inunverfänglicher Weise hatte man noch Wichtigeres erreicht: man hatte sich seine Füh-rer erzogen, sich als Partei eingeschult und strenge Disciplin geübt. Darum konntees freilich nicht anders kommen, als daß die nationale Partei in Böhmen nun, wodie Arena zum Wettlaufc offen stand, alle andern Parteien in Östreich an klaremBewußtsein, Konsequenz und taktischer Gewandtheit weit übertraf und lange Zeit eineMacht zur Schau trug, welche sie in Wirklichkeit nicht besaß. Daß sie den ver-meinten Rieseneinfluß auf das Volk nicht innehatte, bewies die Ruhe des Landesnach der Aufhebung des Reichstags, dies zeigte die Gleichgültigkeit, mit welcher dasVolk den Verfolgungen seiner politischen und nationalen Führer seitens der Regie-rung zusah, und die Leichtigkeit, mit welcher die letztere so viele Czcchenhelden desJahres 1848 gewonnen. Getäuscht über die materiellen Vortheile eines nationalenEnthusiasmus, drängten sie sich später ebenso zahlreich zur slawenfeindlichen Regierung,wie im Sommer 1848 zum Slawencongresse. Aber nicht blos die Schaustellungeiner äußern großen Macht erklärt sich aus der vieljährigen regen Vorbereitung derCzechen zu einer politischen Rolle, auch die Unabhängigkeit der Märzbewcgung inPrag von der wiener Revolution findet darin seine Begründung. Waren doch dieZwecke, für welche man in Prag agitirte, wesentlich andere, als welche die wienerStudenten in Bewegung versetzten. Allerdings rettete aber der glückliche Ausgangder wiener Revolution die Führer der Czechcnpartei von lebenslänglicher Haft aufdem Spiclberge.
Bereits in der frühern Darstellung der Märzkatastrophe in Östreich wurdeerwähnt, daß schon am 11. März im Saale des Wcnzelsbadcs zum Entsetzen derBureaukratie eine politische Versammlung abgehalten und eine Adresse an den Kaisermit 12 PetitionSpunkten beschlossen worden war.*) Die Ausarbeitung der Adresseübernahm das sogenannte St.-Wenzels- oder Bürgercomite (durch Wahl aus derWenzclsbadversammlung hervorgegangen), welches sich seit dem 12. März auf demRathhause versammelte und alsbald, wie der spätere Sicherheitsausschuß in Wien,alle Autorität und Macht in sich vereinigte. Charakteristisch für den herrschendenGeist war der Nachdruck, welchen die Petitionspunktc in ihrer ursprünglichen Formauf die Einverleibung MahrenS und Schlesiens (gegen den deutlichen Willen dieserProvinzen), auf die administrative Selbständigkeit Böhmens, auf die Nobotablösungund die Besetzung aller Ämter durch einheimische Individuen legten, während sie dieMrm, die der Gcsammlstaat annehmen sollte, die Beziehungen des Kronlandes zurMonarchie mit gänzlichem Stillschweigen übergingen. Advocat Adolf Maria Pinkas,
°) Vgl. S. 700 fg. des fünften Bandes der „Gegenwart".
D. Red.