Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. 179
fühle» uns als Amerikaner, als freie Männer und als Republikaner." In demgroßen Fcstzuge zu San-Francisco nahmen an jenem Jahrestage der Unabhängig,kcitserklarung die „Himmlischen" nicht die letzte Stelle ein; auf einer ihrer seidenenFahnen prangte ein großer Drache, das Wappen des Reichs der Blume der Mitte;auf einem zweiten Banner las man die Worte: „Ein Andrang zum Republikanis-mus" und „Der Juli jetzt und für immer ein Festtag für die Chinesen". WennAstätcn mongolischen Stammes sich so wunderbar leicht dem amerikanischen Verfas-sungsleben einordnen, so fallt dasselbe den einwandernden Europäern noch wenigerschwer. Jedermann kann nach fünfjährigem Aufenthalte im Lande ein Vollbürgerder Union werden, in dem einzelnen Staate aber schon weit früher.
Politische Partei.
In den Vereinigten Staaten ist Alles Partei. Neutrale Bürger finden in ih-rem vielbewegten politischen Treiben gar keinen Raum, da Jedermann mit Noth-wendigkeit in den Wirbel hineingezogen wird, welchem er sich niemals wieder ent-ziehen kann; und die Behauptung, daß es im Grunde ebenso viele Parteimännerals stimmberechtigte Bürger gebe, ist vollkommen richtig. Über die verfassungsmäßi-gen Grundlagen des Staats gibt es keinen Streit, ja es ist darüber kaum eine ab-weichende Meinung vorhanden; vielmehr herrscht ganz unbedingte Vvlkssouvera'netätund allein der Wille der Majorität entscheidet. Wer also sein Interesse zur Geltungbringen will, muß schon durch das Abgeben seiner Stimme, durch sein Herantretenan die Wahlurne, für oder gegen irgend eine Maßregel Partei nehmen. Das Wahl-recht aber ist in den Vereinigten Staaten auf eine so breite Grundlage gestellt wiein keinem andern Lande der Welt. Dadurch daß die Regierung der einzelnen Staa-ten wie jene der gesammten Union gewissermaßen eine Beute der einen oder andernPartei wird, daß alle besoldeten Staatsämter, zu welchen die Regierung ernennt,lediglich und ausschließlich mit Männern der Partei besetzt werden, welche gerade dieOberhand, d. h. die Mehrheit der Stimmen gewann, dadurch, sagen wir, unterschei-det sich das nordamerikanische Staatswesen ganz specifisch vom europäischen. Hierwerden überall, wenn man etwa Norwegen, Belgien und England ausnimmt, sogarfundamentale Grundsätze der Verfassungsurkunde in den verschiedenen Staaten inFrage gestellt; der Kampf um Herrschaft der autokratischen Gewalt oder um Herr-schaft des Volkswillens wird offen oder verdeckt geführt und bildet den rothen Faden,welcher durch die neuere Geschichte Europas sich hindurchzieht. Einen solchen Ge-gensatz kennen die Amerikaner nicht. Die Volkssouveränetät und die Herrschaft derMehrheit bleibt in alle Wege unbestritten; es handelt sich lediglich um einzelne wich-tige Maßregeln, über welche verschiedene Ansichten obwalten, deren jede sich zur Gel-tung bringen will. Dahin gehören etwa Fragen über die Ausdehnung der Befug-nisse, welche der Bundesgewalt zustehen, über die Sklaverei, über die auswärtigePolitik, über Vertheilung von Ländereien, über den Zolltarif und andere Angelegen-heiten dieser Art. In Bezug auf alle diese Dinge haben die großen Parteien ge-wisse leitende Principien festgestellt, an welche jedes Mitglied gebunden ist; aber imSchoose der Partei selbst sind über einzelne Gegenstände oder Maßregeln die Kämpfenicht selten ebenso heftig, wie die Streitigkeiten mit den Gegnern. So ist über dieSklavenfragc die Whigpartei sowol wie die demokratische in zwei große Abtheilun-gen zerfallen, welche einander heftig befehden.
Ein Zustand der Ruhe im politischen Parkeilcben der Vereinigten Staaten istgar nicht denkbar; eben weil jede Partei — und Partei ist, wie gesagt, Alles —sich darauf angewiesen siebt, Alles aufzubieten, um die Majorität zu erlangen. Zu-nächst in der Gemeinde, i» welcher alle Beamten, z. B. für Schulwesen und Stra-ßenbau zu wählen sind, ebenso Friedensrichter und andere Beamte. Der Gemeinde-politiker hat aber auch für die Angelegenheiten des Bezirks (County), in welchemsein Wohnort liegt, zu wählen, und wird somit Bezirk-politiker; der Bezirk seiner-
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