216 Die Vereinigten Staaten von Nordamerika.
seine Zusammengehörigkeit; und wenn auch aus hundert Gründen nie ein specifischdeutscher Staat in der Union sich bilden wird, so kann es doch nicht fehlen, daß sdas deutsche Wesen einen Hauptfactor von großer Culturbedeutung abgeben wird.Schon jetzt erringt es da und dort auch gesellschaftliche Bedeutung, z. B. in Wis-consin und besonders in St.-Louis; und sobald die Deutschen sich einmal recht ein- -gerückt und eingerichtet haben, gewinnen sie durch ihre ausdauernde Beharrlichkeitoft den Vorsprung vor den Amerikanern. In Pennsylvanicn konnten 600000 un-serer Landsleute der Legislatur zu Harrisburg die Worte zurufen: „Wir Deutschensind das Mark und die Kraft Pennsylvaniens." Bis hinaus, zum Quclllande desgroßen Stroms ist Alles mit deutschem Blute verquickt. Überall wandeln unsereLandsleutc die Einöde in einen blühenden Garten um, und „der amerikanische Adler
würde nicht so stolz in der Welt rauschen, ohne deutsches Mark in seinen Schwin-
gen". Es wird von keiner Seite her besinnen, daß die Deutschen einen Hauptbe-standtheil auch der militärischen Kraft der Vereinigten Staaten bilden. Ihre Miliz-compagnien sind durchgängig die am besten regelrecht eingeübten; im stehenden Heeredienen viele Deutsche; in dem Kriegszuge gegen Mexico zeichneten die deutschenFreiwilligen sich rühmlich aus. Bei alledem aber haben unsere deutschen Landsleutein den Bereinigten Staaten doch bei weitem noch nicht die Geltung und den Ein-fluß erlangt, der ihnen eigentlich gebührt. Die Partei der Natives arbeitet ihnen,wie überhaupt allen Eingewanderken, planmäßig entgegen, und die englisch redendenAmerikaner überhaupt legen ihnen politische Hindernisse aller Art in den Weg, na-mentlich wo es sich um Sitze im Congreß oder in den einzelnen Legislaturen han-delt, welche die Jankers gern als Monopol für sich betrachten. Insbesondere aber
bieten die Letztem Alles auf, um die Deutschen nicht in besoldete Ämter gelangenzu lassen, und wieder 1853 bei Vertheilung der Stellen, welche der Präsident zubesetzen hatte, zeigte es sich, daß dabei unsere Landsleute fast leer ausgingen; wirfinden in den langen Listen deutsche Namen nur selten. Darin liegt eine gewisse lHerabwürdigung, und man sieht schon daraus deutlich, daß die Deutschen als solche,trotzdem sie über viele Hunderttausende von Stimmen verfügen, doch bisjctzt nur alsAnhängsel der großen Parteien betrachtet werden. Sie könnten aber bei einer klu-gen politischen Taktik sehr leicht in allen wichtigen Fragen den Ausschlag und dieEntscheidung geben. Die vielen Flüchtlinge, welche nach dem Scheitern der Revo-lution in Deutschland in den Vereinigten Staaten eine Zuflucht fanden, sahen sichdort dem scharf in seiner Eigenthümlichkeit ausgeprägten Staatswesen gegenüber ineine unbehagliche Lage versetzt, sobald sie thätig in die Politik eingreifen wollten.
Sie waren von vornherein unwirksam, weil sie Amerika nicht verstanden, und brach- !ten sich nach und nach allesammt um den Ruf, welcher ihnen voranging. NurFriedrich Hccker war klug genug, sich sogleich der Landwirthschaft zu widmen. Struvetrat bald zurück; aber Heinzen und Rösler aus Öls scheiterten auf das kläglichste:dieser Letztere sowol als Schullehrer wie als Publicist der Whigpartei, Jener alsimprovisirter Parteiführer. Die ältere deutsche Demokratie verwarf die „faulengrünschnabcligen Bierpoliciker und Revolutionäre von Profession". Auch Kinkel mußtesich sagen, daß er mit seinen Planen zur „ Nevolutionirung Europas von Moskaubis Konstantinopel" nicht durchdringen werde; in der That waren auch die Geld- .
summen, welche für ein solches Unternehmen zusammenflössen, sehr unbedeutend. ^
Diese „Grünlinge" verstießen gegen die amerikanische Parteiorganisation, und warenbald niedergekämpft. Heinzen wollte eine abgesonderte deutsche Partei gründen undstiftete einen Deutschen Verein mit dem klar ausgesprochenen Zwecke, „europäischeCultur auf amerikanischem Boden zuni Blühen und Reifen zu bringen". Außer-dem solle er für den nächsten europäischen Krieg rüsten, da er durch die innereNatur seines Wesens gezwungen sei, sich in Erwartung der nächsten europäischenBewegungen ohne Verzug aufs Piket zu stellen. „Er muß sich zu fliegenden So-lennen gestalten, um rasch da und dort zu sein; in Amerika als fliegende Reformer,in Europa aber als kampfgeschickte, kampfbereitete und wohlgerüstete Soldaten der