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Zehnter Band.
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234 Östreich.

rechnet, nichts im Gedanken, als die Erfüllung der augenblicklichen Wünsche der wienerBevölkerung. Die Mehrzahl der polnischen Dcputirtcn war mit weniger als halbemHerzen an dem östreichischen constituirenden Reichstage gegenwärtig, freute sich der zu-nehmenden Verwirrung und widerstrebte leidenschaftlich einem geordneten Staatsleben,wenn dieses das selbständige Polenreich ausschloß. Die am meisten disciplinirteKammerpartei endlich, aus den czechischen Abgeordneten bestehend, wsr wol überdas Verfassungsprincip einverstanden, unklar aber über die Gegenwart und zwischendem Ministerium und der Demokratie furchtsam schwankend. Sie scheute sich, alsregierungsfreundlich zu gelten, und wollte doch um keinen Preis an die wiener Bewe-gungsmänner sich anschließen. Solche Zerfahrenheit in der politischen Anschauung desReichstags prägte sich auch im deutlichen Bilde in der äußern Gruppirung der Depu-tiern aus. Die rechte Seite nahmen mit Ausnahme einzelner unabhängiger De°putirter, wie Borrosch, Hain, Demel, die czechischen Abgeordneten ein. Der festeZusammenhalt, welchen man an dieser Fraction bemerkte, blieb jedoch stets nur äußer-lich und scheinbar. Wie später die czechischen Parteihäupter alle Mühe hatten, diefurchtsamern Genossen von einem unbedingten Übertritte in das ministerielle Lagerabzuhalten, so kostete es jetzt, wo die öffentliche Meinung für den Naturalismussprach, keine geringe Anstrengung, den Übergang vieler Czechen, theils Priester, theilsjüngere Schriftsteller, zur Linken zu verhindern. Oft konnte nur durch das Aufge-bot aller Autorität, durch kräftige Drohungen der Parteigehorsam aufrechterhaltenwerden, und wenn auch dies nichts half, so wurden die WiderspänsLgen an denRockschößen festgenommen und mit Gewalt auf ihre Sitze niedergedrückt. Aucheinzelne Polen, Lubomirfki, Potocki, Zamoyski und Andere, nahmen ihren Platz aufder Rechten, ohne jedoch ihre Überzeugungen der hier herrschenden Anschauung un-terzuordnen. Hoch oben im rechten Centrum saßen Graf Stadion, Hclfcrt und dieMehrzahl der rukhenischeu Bauern; Stadion gegenüber im linken Centrum Löhner,Lasser, Schusclka und die radicalen östreichischen Landlcute. Auf den untern Plätzendes Centrums hinter der Ministerbank hatten sich alle jene Deputirten niedergelas-sen, deren Überzeugungen schwankend, deren Politik unklar war. Steiermark, Tirol,die östreichischen Städte waren hier am stärksten vertreten, die ältern Notabilitäten:Pillersdorf, Neumann, K. Mayer, Selinger, Neuwall, Szabel, am meisten bemerk-bar. Dctailkemitnisse, administrative Befähigung, praktische Gcschicklichkcit zeichnetendas Centrum vor den andern Fractionen aus, dagegen bewegte es sich bei allenallgemeiner» politischen Fragen, je nachdem das nationale oder politische Interessevorwaltete, unaufhörlich zwischen der Rechten und Linken. Es war deutsch, abernicht radical gesinnt, und hätte leicht eine feste Stütze für das Ministerium abgege-ben, wenn es einen kräftigen Führer, das Ministerium eine bestimmte Politik besessen.Die linke Seite nahmen die wiener Bewegungsnianncr und ihr Anhang: Fischhof/Goldmark, Violand, Füster, Brestl, Umlauft, die radicalen Polen und schließlich dieromanischen Bauern aus der Bukowina, von dem halbgebildeten und deshalb un-glaublich halsstarrigen Kobylica geführt, ein.

Diese Gruppirung blieb, solange der Reichstag in Wien tagte, unverändert,mit ihr die ziellose, unsichere Haltung und die bloße Scheinthätigkeit der Versammlung.Auch das Clubwesen, welches in Kremsier eine so große Wichtigkeit erlangen sollte,war in Wien noch wenig ausgebildet. Der radicalen Linken fehlte es keineswegs anzahlreichen Versammlungsorten; da aber in. den wiener Clubs die Nichtgliedcr desReichstags die hervorragende Rolle spielten, so verloren dieselben die unmittelbare Be-ziehung zur Kammer. Das Centrum und die Rechte begnügten sich mit wenigenZusammenkünften, welche jedoch nur den Charakter privater Besprechungen an sichtrugen und jeder festen Organisation ermangelten.

Die Rückkehr des Kaisers; der Berfassungsausschuß; die deutschen Farben.

Ani 24. Juli trat der östreichische Reichstag ordnungsmäßig constituirt und er-öffnet zum ersten male zusammen. Den Vorsitz führte der Abgeordnete Schnellt,