235
Östreichs
auf der Miuisterbank saßen Latour, Kraus, Doblhof, Bach und Hornbostel (der Mi-nisterpräsident Wessenberg befand sich noch im Gefolge des Neichsverwesers). DieListe der Anträge füllten die Präpositionen über ein neues Aushcbungsgesetz, überdie Nichtverantwortlichkeit der Abgeordneten und die Verantwortlichkeit der Minister,über die Mittheilung der Finanztabellen und schließlich Selinger's angekündigtesDankesvotum an die italienische Armee. Die öffentliche Aufmerksamkeit kümmertesich aber in- keiner Weise um den Inhalt und das Schicksal dieser Anträge. Nachdemsie vorläufig motivirt waren, begrub man sie in den Berathungszimmern der Ab-theilungen, die einen für einige Wochen, die andern für immer. Dagegen standendie Interpellationen ini nächsten Vordergründe. Diesen allein widmeten die Presse,die Galerien und auch noch eine große Zahl von Abgeordneten ihre ungetheilkeAufmerksamkeit: sie füllten in gleichem Maße die Blätter der Zeitungen wie dieSihuugözeit des Reichstags, sie bildeten das Paraderoß, auf welchem Ministeriumund Depulirtc ihre liberale Gesinnung hcrumtummeltcn. Die Behandlung der Prä-ger Junigefangenen, die Affcntirung von böhmischen Studenten, die Bcamtenum-triebe in Galizien, Klage» gegen den Fürsten Windisch-Grätz u. s. w. waren der ge-wöhnliche Gegenstand dieser täglich sich wiederholenden Interpellationen, auf die dasMinisterium ebenso regelmäßig mit der Versicherung seiner Unkenntniß der That-sachen und seiner liberalen Gesinnungen antwortete. Namentlich wußte sich der Ju-stizminister Bach in dieser Weise eingetheilten Beifall in und außerhalb der Kammerzu sichern. Zwar hatte» Tausenau und andere wiener Demokraten die AufrichtigkeitBach's bezweifelt und in politischen Vereinen den hochgehobenen Advocatcn befehdet;aber man kannte den Neid und die Eifersucht der wiener Bewcgungsmänner, manwußte, daß sie gegen jedes organisatorische Talent, gegen jede echte staatsmännischeBefähigung in blindem Grimme entbrannten. Bach blieb die demokratische Stützedes Ministeriums, aber zugleich ein Gegenstand der Anfeindung seitens der Armeeund der Aristokratie.
Mit Interpellationen und der Berathung der definitiven Geschäftsordnung hätteder Reichstag noch mehre Wochen ruhig und sorgenfrei zugebracht, wenn nicht ein-zelne Vorfälle, theilweise von außen in die Kammer geworfen, zuweilen ein regeres,ja stürmisches Leben geweckt hätten. Der Reichstag blieb zwar unberührt von derPetition des Sicherheiksausschuffes, letzter» in seiner außerordentlichen Wirksamkeit zusanctivniren. Theils Sympathien, theils eine überspannte Furcht verhinderten jedenProtest, als der Sicherheitsausschuß am 26. Juli erklärte, er werde so lange fortbe-stehen, bis der Reichstag seine Auflösung verfügt oder die Regierung die ordentli-che» Behörden in volköthümlicher Weise reorganisirt habe. Auch des Ban Jella-chich Anwesenheit in Wien und der shm von Offizieren und Slawen am 28. Juligebrachte Fackclzug störte» nicht, wie Ängstliche vermuthet, die Ruhe Wiens und dasgute Einvernehmen des Reichstags. Ebenso wenig entzweite das am 28. unter derMitwirkung des Reichstags veranstaltete Trauerfest zu Ehren der Märzgefallenen dieParteien. Die Märzereignisse waren ja die Grundlage, auf welche sich zur Zeit dieConservativen wie die Demokraten stützte». Den Impuls zur erhöhten Lebendigkeitdes Reichstags gab das Ministerium selbst, als es an denselben die Auffoderungstellte, den Kaiser zur Rückkehr nach Wien zu bewegen.
Am 29. Juli betrat der Minister Doblhof die Redncrbühnc. Gleich nachdem Antritte ihrer Ämter hatten die Minister an de» Kaiser die Bitte gestellt,jetzt, wo die öffentliche Ordnung hergestellt, der Reichstag zusammengetreten sei,nach der alten Residenz zurückzukehren. Im Falle ihrer Bitte nicht willfahrt wer-den könne, erklärten sie, ihre Mission in die Hände des stellvertretenden Erzherzogsniederlegen zu wollen. Darauf kam von Innsbruck folgende Antwort: „Bevor derReichstag seine Gesetze nicht festgestellt hat, ist meine Gegenwart oder meines Alter-ego nicht nothwendig. Vor allem muß ich die Überzeugung gewinnen, daß das freieHandeln der gesetzgebenden Versammlung in jeder Hinsicht gesichert ist. Gehenmeme Erwartungen in Erfüllung, so werde ich ungesäumt meinen geliebten Bruder