236 Östreich.
Erzherzog Franz Karl an meines Oheims Erzherzog Johann Stelle als meinenAlterego nach Wien senden, und dadurch seinem herzlichen Wunsche entgegenkom-men, so schmerzlich es mir auch fallt, seine nur so treu geweihte Sorgfalt zu ent-behren." Nachdem Doblhof die Sachlage auseinandergesetzt und die betreffendenSchriftstücke verlesen hatte, stellte er den Antrag: „Die hohe Reichsversammlungmöge beschließen: es sei Sr. Majestät durch eine Adresse der Versammlung die drin-gende Nothwendigkeit Ihrer baldigen Rückkehr nach Wien vorzustellen-und darininsbesondere die bestimmte Erklärung niederzulegen, daß das freie Handeln der con-stituirenden Reichsversammlung in jeder Hinsicht gesichert ist, und diese Adresse durcheine aus der Mitte der Versammlung zu erwählende Deputation unmittelbar anSe. Majestät zu befördern." Mit stürmischem Bestalle wurde dieser Antrag aus-genommen und auf die Auffoderung des Präsidenten sofort zum Beschluß erhoben.Nach diesem Vorgänge hätte man glauben sollen, die Versammlung werde ohne wei-tere Debatte zum Entwürfe der Adresse schreite». Die Gelegenheit, durch freisinnigeRedensarten zu glänzen, lag aber viel zu nahe, als daß nicht besonders jün-gere Deputirte diese wahrgenommen hätten. Zuerst erhob sich der AbgeordneteKlaudi aus Böhmen, ein ehemaliger Offizier oder Subtribun der prager Studenten-legion: „Die Völker sind frei geworden, wir sind die Vertreter der freien Völker, dieeine ungebundene Stimme haben. Diesen Umstand müssen wir auch in der Adressevor Augen halten. Die Zeit des Bittens ist vorüber. Als freie Völker müssenwir zu den Stufen des Throns unsers guten Kaisers hingehen, den wir Alle lieben,von dem wir wissen, daß er nicht den Grundsätzen der Camarilla huldigt, nichtbitten, sondern fodern, federn im Namen des Gesetzes, im Namen des Volks undim Namen der Vertreter des Volks." Mit donnernder Stimme schloß der Redner,ein donnernder Beifall, in welchen sich der lärmende Jubel der dicht besetzten Ga-lerie mischte, folgte seinen Worten.
Nun waren die Schleusen der demokratischen Begeisterung geöffnet. Vergebensversuchte der Abgeordnete Stadion einzulenken und - die Debatte auf ihren richtigenStand zurückzuführen: „Ich sehe, meine Herren, daß Sie von der Ansicht ausge-hen, daß Se. Majestät unbedingt herkommen solle, und nicht herkommen will. Wirhaben aber nicht das Recht, dieses vorauszusehen. Wir müssen die Frage stellen:Welche Gründe mag Se. Majestät haben, nicht zurückzukommen? Und diese Gründefind in der Antwort enthalten. Se. Majestät sagt, daß Sie nicht zurückkommen,bis der Reichstag und der Thron gesichert sind. Ich will nicht wieder auf dieseGründe eingehen, aber leugnen können wir doch nicht, daß die Gesetze wenig befolgtwerden. Wir sehen, daß Behörden, die sich nach dem 26. Mai constituirt haben,noch immer als solche sich hinstellen, die Unverantwortlichkeit anstreben und nichtunter dem Ministerium stehen wollen. Was hat das Ministerium gethan, um eineGarantie für die Durchführung der Gesetze, z. B. des Preßgesetzes, zu geben? Darinmag der Grund liegen, daß Se. Majestät meint, oaß die Sicherheit noch nicht voll-kommen hergestellt sei. Ich glaube aber, daß wir diese Meinung beseitigen, sobaldder Reichstag erklärt, daß die Sicherheit soweit hergestellt sei, daß Se. Majestät,ohne der Würde des Throns etwas zu vergeben, zurückkommen könne. Diese Vor-aussetzung wenigstens müssen wir machen." Stadion's Worte wurden mit Hohnund lautem Zischen beantwortet. Die Redner der Linken — und außer Pillers-dorf wagte sich keine andere Fraction in den Kampf — erhoben sich Alle für Klau-di's ungestümes Fodern, verlangten Alle in der Adresse den Ausdruck der schärfste»Meinung. Nach stundenlanger Debatte wurde endlich ein Ausschuß für den Ent-wurf der Adresse bestimmt, und bis derselbe seine Arbeit vollendet und die Depu-tation gewählt war, die Sitzung vertagt. Sie wurde um 7 Uhr Abends wiedereröffnet. Das Strohfcuer, welches am Morgen die Abgeordneten in eiliger Hastentzündet, war erloschen, und während es am Morgen den Anschein hatte, alsstürze die Verzögerung einer einzigen Stunde den Staat in das Verderbe», fandman am Abende hinlängliche Muße, selbst geringfügige grammatikalische Änderungen