Östreich. 243
steiler sich mit Kudlich vereinigt, unk ein gemeinsames Hauptamendement gestellt, vonwelchem Kudlich verlangte: es möchte mit Umgehung aller übrigen zur Grundlageder Verhandlung gemacht werden. Da aber die Zurücknahme der einzelnen Anträgevom guten Willen abhing und dieser gute Wille fehlte, so wurde Kudlich's Ansinnennicht entsprochen. Die Versammlung wurde noch weiter über die verschiedene Raturder Lasten, ihren Ursprung aus dem Untcrlhänigkeilsverhaltnisse, dem Lchnsnexus,aus privatrechtlichen Contracten, aus der Kirchcnhoheit belehrt, und mit ganz localenAnliegen, wie über die Aufhebung der Haferstreue für Hochwild, über die Ausrccht-haltung der Befugnis!, aus herrschaftlichen Wäldern Holz zu holen, belästigt. Am12. Aug. wiederholte die Linke, welcher vor den bereits eingebrachten 60 Amendc-ments und eingeschriebenen 30 Rednern immer mehr bangte, das Verlangen, dieSache rasch und gewaltsam abzuthun. Violand stellte noch vor dem Beginne derDebatte (bisher wurden blos die einzelnen Anträge begründet) die Motion auf ihrenSchluß. Es war nicht schwer, das Unzulängliche dieses Schrittes zu beweisen. Nachlängerm Streite wurde darum die alte Tagesordnung durchgesetzt und in der Be-gründung der Verbcsscrungsanträge fortgeschritten.
Endlich schien sich die Flut der Amcndements legen zu wollen. Nachdem derAbgeordnete Borrosch noch einen dickleibigen Verbesserungsantrag in 15 Paragraphenvorgelesen und begründet, rief der Präsident die eingeschriebenen Redner zur Debatteauf. Es zeigte sich aber unvermuthet ein neues Hinderniß. Sowol Kudlich's ur-sprünglicher Antrag wie die ihm angefügten Amcndements enthielten eine Reihe vonBestimmungen, die sich keineswegs gegenseitig bedingten, eine theilwcise Annahme undtheilweise Verwerfung vielmehr zuließen. Daher kam es, daß die Redner weder fürnoch gegen den Antrag, sondern über denselben sprachen — ein Vorgang, welcherweder mit parlamentarischer Sitte übereinstimmte, noch eine rasche Losung der ver-wickelten Frage versprach. Die Reden selbst entbehrten durchgängig aller Kraft undSchärfe; auch bessere Redner, wie Löhner, erlahmten an dem ungefügigen Stoffeund ließen kalt. Die Kammer nahm die Redner als eine traurige Nothwendig-keit hin; die Bänke leerten sich, sobald ein Abgeordneter die Bühne bestieg und diejeden Tag wiederkehrenden Interpellationen vorüber waren. Nur ausnahmsweise stei-gerte sich die Aufmerksamkeit, wenn polnische Abgeordnete in gebrochenem Deutschvon den traurigen Verhältnissen ihres Vaterlandes sprachen, oder irgend ein Depu-tier es wagte, seine Stimme gegen die unklare Anschauungsweise der Linken zu er-heben,, oder wenn endlich ein Bauer die Nednerbühne bestieg, um in derbster Weisegegen alle Entschädigung der Grundherreu zu eifern. „Für die Mishandlungen, diewir erlitten", meinte der Bukowiner Kapuszczak, „sollen wir noch Entschädigungleisten? Die Peitschen und Knuten, die sich um unsere ermüdeten Körper gewickelthaben: das soll die Entschädigung sein." Ein östreichischer Bauer Brandt versicherte:„Es ist klar, der gesunde Menschenverstand sagt es, daß wir keine Entschädigungzahlen."
Die Reihe der Redner eröffnete (Sitzung vom 12. Aug.) ein böhmischer Ab-geordneter, Jonäk. Doch gelang es weder Diesem noch den unmittelbar Nachfolgen-den (Sitzung vom 14. Aug.), Trojan von der Rechten und Schneider aus demCentrum, die Aufmerksamkeit der Versammlung zu spannen. Von der Linken bei-fällig wurde Popiel's (aus Galizien) Rede aufgenommen. Sie war gegen alle Ent-schädigung gerichtet. „Man hat die wiener Arbeiter, welche an die Hausthüren denSpruch: «Heilig ist das Eigenthum!» geschrieben, heraufbeschworen, um gegen dieunbedingte Auflassung der Untcrthanslastcn zu zeugen. Freilich ist das ein nach-ahmungswürdigcs Beispiel, beweist aber nur das Umgekehrte; denn eben dies Bei-spiel mahnt uns ausdrücklich, auch an die Thüren der Unterthanen zu schreiben:« Heilig ist das Eigenthum». Wer soll ablösen? Der Unterthan? Das ist ja nurein Lastentausch! Oder der Staat? Wie kommt der freie Städter, der HandwerkerM Zahlung der Bauernlasten? Ich mochte keiner Regierung, außer derjenigen, die