Band 
Zehnter Band.
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Östreich. 271

drungen war. Hakten die bisher gelieferten Gefechte schon die Absicht des Feindes,von der Landstraße und Leopoldstadt gegen die Stadt vorzurücken, vermuthen lassen,so wurde dieselbe durch eine aufgefangene Depesche des Banus an den GeneralRamberg zur vollen Gewißheit. Aus derselben ersah man auch, daß der 28. Oct.zum entscheidenden Angriff bestimmt war. Eine längere Verzögerung erschien denFührern der kaiserlichen Armee, im Angesichte der drohenden Stellung, welche dieUngarn im Rücken des kroatischen Armcecorps einnahmen, nicht rathsam.

Schon am frühen Morgen des 28. ertönten die Alarmtrvmmeln und Sturm-glocken. Die Häuser und Läden blieben gesperrt; außer den bewaffneten Scharen,welche keineswegs siegesmuthig zu den Barrikaden eilten, war Niemand auf denStraßen sichtbar. Um 10 Uhr waren alle Linien in dichten Rauch gehüllt undschlug heftiger Kanonendonner an die Ohren der geangstigten Bevölkerung. GegenMittag ging der Hauptangriff gegen die am Praterstern errichtete Barrikade vorsich. Dieselbe wurde nach schwachem Widerstände von Jägern und Kroaten besetztund dann unter ihren, Schutze ein starkes Feuer gegen die zweite, am Eingänge derSkerngasse erbaute Barrikade eröffnet. Fiel diese letztere, so war die ganze von ihrbeherrschte Jägerzeile und Leopoldstadt dem Feinde preisgegeben und dessen Vorrücke»bis an die Stadtmauer nothwendige Folge. Bcm übersah auch keineswegs die hoheWichtigkeit des Bollwerks. Er selbst übernahm das Commando und übergab dieVertheidigung steirischen Jägern und dem Elitencorps. Trotz des furchtbaren Ku-gelregens, womit die Angreifer die Barrikade und die Jägerzcile überschütteten, trotzeines dreimaligen Sturmes blieben die Aufständischen im Besitze ihrer Position.Erst die Niederlage ihrer Waffenbrüder in der Landstraße zwang sie zur Flucht.Auch hier wie am Erdberge und an der Marxer Linie hatte sich seit den Mittags-stunden der Kampf entsponnen; aber nicht mit den, desperaten Elitecorps, sondernmit friedliebenden Nationalgarden hatten es von dieser Seite die kaiserlichen Truppenzu thun. Letztere besetzten mit Leichtigkeit — nur die marxer Linie mußte gewalt-sam erstürmt werden — die Vorstädte, rückten von der Landstraße über den Donau-arm und kamen, nachdem sie die Franzensallee durchbrochen, der Barrikade in derJägerzeile in den Rücken. Auch von der Flanke angegriffen, aus den Fenstern er-stürmter Häuser beschossen, blieb kein anderer Ausweg als die Räumung. In wil-der Flucht stürzten die Mobilen in die innere Stadt, ihnen nach die Bewohner derLeopoldstadt mit ihren Habseligkeiten. Für die friedlichen Bürger gab es nur dieAlternative zwischen der Anarchie und der Proletarierhcrrschaft in der innern Stadtund der Naubsucht der langfingerigen Kroaten in den erstürmte» Vorstädten. Wieweit die gegen die Truppen erhobenen Klagen auf Plünderung und grausame Be-handlung nicht allein der Gefangenen, sondern auch unschuldiger Einwohner begrün-det, läßt sich gar nicht feststellen. Daß von der revolutionären Partei viele Vor-gänge übertrieben wurden, ist wahrscheinlich, daß aber auch die regulären Truppensich vielfach von der Kriegssitte lossagten und Ausschweifungen begingen, ist eben-falls gewiß. Am Abende telegraphirte Fürst Windisch - Erätz nach Olmüh: DieTruppen sind nach einem neunstündigen Barrikadenkämpfe in die Vorstädte Land-straße, Rennweg, Leopoldstadt und Jägerzeile eingedrungen und haben dieselben bisan die Wälle der Stadt beseht. Nur die südlichen und westlichen Vorstädte vonGunipendorf bis Nußdorf blieben in den Händen der Insurgenten. War schon dieNacht furchtbar, erleuchtet von dem Feuerkranze, welchen die kaiserlichen Truppenum die Stadt zogen, und belebt von dem Wuthgeschrei der Proletarier, von demWehklagen der Frauen, so wirkte die Sonntagsruhe des nächsten Morgens noch er-schütternder. Die Todten wurden begraben, die Brandstätten gezählt. Es warendie Holzlagstätten in der Brigitten- nnd Spittelau, jene am Donaukanal mit 6000Klaftern Holz, das Odevn, die Prakerseite der Franzensallee, die Zuckerrafsinerienvon Zinner und Mack, das Schüttelbad, die Nothbrücke über den Donaukanal, derGasometer am Erdberge, die brucker Bahnhofshalle, zahlreiche Häuser unter den Weiß-gerbern, in Matzleindorf u. s. w. in Flammen aufgegangen.