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Zehnter Band.
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368 Das Eisenbahnwesen.

in ferne Welttheile, über See, eine von denjenigen Erscheinungen ist, welche manals ganz besonders charakteristisch für unsere Zeit ansieht. Ohne Zweifel müssen wirauch der gewaltigen Verkehrserlcichterung durch den Dampfwagen und das Dampf-boot, welche den Transport billiger und rascher macht und den Verkehr der Ge-danke» soviel leichter bewerkstelligen läßt, eine bedeutsame Stelle neben andern ursäch-lichen Gründen rücksichtlich dieser Zeikerscheinung zuweisen. Wer früher als Ansied-ler in eine ferne Welt ging, mußte nicht nur bedeutende Geldsummen besitzen,sondern schied auch in der Regel für immer von der Heimat und den Seinigen:die Brücke des Verkehrs war für ihn so gut wie abgebrochen. Wie Vieles hatdarin die Eisenbahn bis zur europäischen Küste des Atlantischen Oceans und dievon der Küste etwa Nordamerikas in das Innere hinein geändert! Frage mannur in irgend einem Dorfe nach, welchen Trost und welchen Reiz zugleich derBrief des ausgewanderten Genossen der Familie oder des Dorfs für die Zurückgeblie-benen hat. Freilich müssen wir von allgemeinem Gesichtspunkte aus die Auswande-rung vornehmlich als ein Mittel zur Ausgleichung der Arbeitskräfte und zur bessernVertheilung der Consumenten ansehen. Aber die Gesetze, welche die Ausgleichungz. B. des Metallgeldes oder der Wcrthpapiere rcguliren, reichen für die Ausgleichungder menschlichen Arbeitskräfte nicht allein aus. In dem Menschen müssen auch ge-müthliche Widerstände gesckwächt oder gebrochen werden, und dazu wirkt eben dirVerkehrserlcichterung zwischen der neuen und der alten Heimat. Die Fremde hatihre Schrecken verloren, indem sie der Heimat gleichsam so viel näher rückt, daß dieCommunication verbleiben kann. Es kommt eben auf das erste Wagniß, auf denÜbergang an, mögen sich dann auch im Laufe der Jahre doch die Bande des Ver-kehrs lockern und lösen. Viel weniger aber als diese Auswanderung in fremde Erd-theile ist der Umzug in benachbarte Länder Gegenstand unserer Aufmerksamkeit. Und

doch hat auch er sich ganz außerordentlich gesteigert. In jedem cultivirtern Lande

befinden sich gegenwärtig große Massen von Fremden theils in sporadischer Ver-streuung niedergelassen, theils truppweise oder wie in Colonien zusammengedrängt,namentlich in den großen Centren des städtischen Lebens. Die Erleichterung des Ver-kehrs begünstigt nicht nur dieses Anwachsen fremdländischer Bestände in den meistenLändern, sondern erzwingt es auch zum Theil, indem die gesteigerte Verkettung desinternationalen Austausches zur Anlage von Filialcomptoiren führt, wie man sie sonstnur in dem Heimatlande einzurichten pflegte. Es bedarf kaum der Andeutung, daß ^auch durch diese Verhältnisse die innern und äußern Gegensätze der Völker immermehr an Terrain verlieren. Pflegt man doch bereits die Ausgaben für die Lustfahrten am liebsten zu einem Besuche bei den ausländischen Nachbarn zu verwen-den. Diese l'rsins äs plaisir, bei besondern Vorkommnissen und mit einem in der

Regel außergewöhnlich niedrigen Fahrpreise veranstaltet, scheinen eine bleibende Stelleunter den Leistungen der Eisenbahnverwaltungen einnehmen zu sollen. Ganz vor-nehmlich die unbemittelter« Stände sind es, welche sich zur Theilnahme an denselbenmassenweise herandrängen. Eben deshalb hat man häufig auch, wo man bereit war,die guten Dienste der Eisenbahnen für Geschäftsreisen nicht in Abrede zu stellen, diesedurch ihre beispiellose Wohlfeilheit lockenden Vergnügungsfahrten verurtheilt. Manmeint, daß sie die untern Volksschichten zu unnöthigen Ausgaben reizen und ihnenzu ihrem Schaden das Gefühl eines neuen Bedürfnisses einpflanzen. Diese Meinungwie ihre Begründung ist sicherlich unberechtigt. Das Bedürfniß, der Trieb zu Aus-gaben für Unterhaltung und Vergnügen ist heute wie immer in den untersten Volks-schichten auch ohne diese Lustfahrten vorhanden. Auf diesen Lustfahrten wird jenerTrieb nicht mit und neben andern Arten des Vergnügens befriedigt, sondern stattanderer. Nicht um eine Häufung, sondern um eine Änderung handelt es sich, undoffenbar um eine, welche den arbeitenden Classen wie der bürgerlichen Gesellschaft imGanzen nur zum Vortheil gereicht. Aus der Winkelkneipe heraus, von der Brannt-weinflasche und dem Kartenspiel hinweg wird der Ärmere dem menschenwürdigen Ver-gnügen der Reise und allen jenen geistigen Anregungen einer ungewohnten Ortsver-