Thüringen. 425
höchsten forstlichen Vollkommenheit ist auch in seinem schönsten Zustande", behauptetG. König, derselbe Mann, welcher die „Waldpflege" schrieb und die Gegend vonEisenach lediglich dadurch zum erquickendsten Parke umgestaltete, daß er die verschie-denen Partien, wo Felsen ragten oder ein Kessel und ein Dickicht, eine freie Höhe,ein plötzliches Licht und eine Fernsicht sich boten, dem Fuße zugänglich machte.Park ist die ganze Gegend zwischen Eisenach und Nuhla bis zum Jnselsberge undvon da wieder hinab bis Reinhardsbrunn, Friedrichrode und Gevrgenthal. Park istder Walsberg bei Rudolstadt, der Wurzelberg zwischen Katze und Schwarza unddas ganze Revier von Ilmenau; ebenso die Umgegend von Koburg, welche JeanPaul, wenn auch etwas überschwänglich, den Zusammenstoß von drei Eden nannte.Im sogenannten Frankenwalde gibt es die vorzüglichsten Edeltannen von ganz Deutsch-land; prächtig sind die Wälder von Greiz, Ebersdorf und Hummelhain. Meilenweitist Alles Park und mehr als Park, weil die Gewißheit der Größe, Freiheit und —Nutzbarkeit hinzukommt.
Welt — das gellt so hell und grell!
Wald -— das schallt und hallt so hold!
Welt, o laß mich!
Wald, umfaß mich! (Friedrich v. Sallet.)
Auf jeder steilen Höhe ragt uns die zertrümmerte Romantik der Vorzeit ent-gegen; denn nicht weniger als 66 Burgen brach Rudolf von Habsburg, um dieStörer des Landfriedens zu züchtigen: unter ihnen den Greifenstcin und Schauen-fvrst, die Kunitz, den Winterstein und die Rudelsburg. Ebenso richteten Bauern-krieg und Dreißigjähriger Krieg zahlreiche Schlösser und Klöster zu Grunde, wovonPaulinzcll mit seinen moosüberwuchertcn, baumumschattcten Pfeilern, Bögen undWandfragmentcn besonders malerisch erscheint. Alle diese Neste dienen als Schmuckder Landschaft und als Wallfahrtsorte des modernen Natureulkus, welcher die Men-schenkunst in Stolz oder Trümmer nirgend entbehre» mag. — Unter den Sommer-residenzen und Waldschlössern der thüringischen Fürsten sind alle Zeiten und Baustileund jeder Geschmack repräsentirt: wir brauchen nur Neinhardsbrunn, Licbenstein undWilhelmsthal, Callenberg, Eisenberg, Dornburg, Tieffurt, Ektersburg und Molsdorfzu nennen und all die fröhlichen Jagdzüge mit dem Falken und dem. echt englischenHühnerhund, dem Saufänger und Dachshunde, unter Waldhornbegleitung und demlauten Hallo zahlreicher Herren und Damen im zierlichsten Jagdcostume, schweben vorder Phantasie! Liebenstein trägt ganz modernen Charakter; seine Heilquelle gestaltetedie Umgebung zum reizenden Badeort, und Altenstein überrascht mit seinen Terrassen,welche den Blick durch das Werrathal bis zur Nhön schweifen lassen, mit seinenDolomithöhlen und Wasserfallen auf das angenehmste. DaS ohne Prunk in dieWiesen und unter die Baumgruppen gestreute Wilhelmsthal bildet die Scenerie zumanchem Goeche'schen Idyll; Karl August und Altmeister Wolfgang weilten hier oft.Neinhardsbrunn dagegen ist einer Uhland'schen Romanze vergleichbar zwischen denschwarzen Wäldern und den, Himmelsbläue spiegelnden Teichen, im Schmuck derThürme und Zinnen, mit dem schimmernden Saal der Ahnenbildcr und den düsternGrüften der Landgrafen von Thüringen. In Molsdorf begegnen wir als schneiden-dem Contrast den wehmüthigen Resten jener jubelvollen Vergangenheit, wo franzö-fische Literatur, Küche und Sitte in Deutschland Alles galten. Man braucht hierunter zahlreichen Portraits nur das des einstigen Besitzers, des Grafen Götter, imJagdcostume, den Hut halb auf die zu jedem Abenteuer erbötige Stirn gedrückt, unddas Bild der ernstcontemplativen Herzogin Luise Dorothea von Gotha, der FreundinVvltaire's und der Beschützerin der Herrnhuter, im Schäferhut, mit dem Schäser-stabe und der Devise: Vivs ls joio! auf der Busenschleife zu sehen, um irre zuwerden, ob man lachen oder weinen solll
Im Süden ist es die Beste Koburg, im Norden die Wartburg, welche dasLand weit und breit beherrschen. Jedes dieser uralten Schlösser ist tief in die Ge-schichte der Dynastien und der Cultur verwickelt und der Duft der Sage umgibt sie