Thüringen. 433
gen: drei Pferde? vier Pferde? eröffnet und erst als diese mit Ja beantwortetwaren, erfolgte von jener Seite die Auffoderung, sich herüberzusetzen. Nicht leichtkommt es vor, daß ein Vierspänner seine Tochter einem Drei- oder Zweispänner gibtund nian hört ebenso wenig, daß eine aufrichtige Liebe junge Herzen ohne vorher-gegangene Vermögensberechnung überwältigt habe.
Ein anderer herkömmlicher Ehrenpunkt unter den osterländischcn Bauern gibtdem Eetreidemarkt von Altenburg einen besondern Charakter, sodaß derselbe wedereiner Schrannenhalle bedarf, noch das Getreide allem Wetter ausgesetzt stehen läßt.Der Bauer bringt nur Proben seiner Getreidevorräthe in der Tasche mit, oder erläßt sie im Schubkarren aufstellen. Danach wird das bedeutendste Lieferungsge-schäft auf der Stelle oder noch lieber im Nathskeller, der Börse aller Getreide-,Mehl-, Öl- und Viehhändler, beim Trunk abgeschlossen. Indeß reißt das Glücks-spiel des Zeitverkaufs auch im Altenburgischen ein; das Obst wird vielfach schonnach der Blüte auf Gewinn und.Verlust des Pächters gegen baarc Zahlung run-der Summe abgegeben. Spiel und Processe gehören, mit Ausnahme des genanntenFamilienprocesses, überhaupt auch hier zu den Bauernleidenschaften, und herrschteim Meiningenschen und Gothaischen mehrfach das Zweikindersystem (das Alachcn,nach dem Dorfe Alach) und bat dasselbe im Osterlande seit neuester Zeit aufgehört,so nimmt der unverheirathete wohlhabende Bauer vielfach zum weiblichen Proleta-riat seine Zuflucht, und Leipzig und Dresden werden mit jenen Ammen versehen,welche ihrer ausgezeichneten Dienste wegen berühmt sind.
Ganz Thüringen ist heiter und lachlustig. Man neckt und spottet gern, sodaßdie Sprachforscher die hübsche Summe von 800 Spitznamen nachzuweisen haben.Ergötzlicherweise suchen manche Orte dem Übelstande, daß alle Nachbarn Mülleroder Nensch heißen, durch meist nicht sehr schmeichelhafte Beinamen, wie das But-termesser, die Kurzweil, der Waldtüffel, der Kuhwatsch oder Kälberhans, abzuhelfen,ähnlich wie die Fürsten des Landes mit einigen wenigen Namen haushalten und demVerständniß sodann durch den Zusatz des Eisernen, des Gebissenen, des Ritterhaf-ten, Worthalters und Bedrückten, oder durch lange Zahlenreihen nachhelfen. DerVolkswitz hält gern Volksgericht. Im Meiningenschen heißt es:
Rost ist los,
Georgenzell ist sein Gesell;
Helmers ist nah' dabei:
Sind der losen Dörfer drei.
Seit Jahren muß sich das Städtchen Plaue bei Arnstadt, das seit dem Ver-siegen seiner Salzquellen gesunken ist, seines frühern Übermuths wegen verspottenlassen. Es heißt: der Bürgermeister von Plaue bewahre einen aus der guten altenZeit stammenden Sammetärmel, um Sonntags den einen damit angethanen Armstattlich zum Fenster herauszulegen. Um den Rang des thüringischen Schilda habenaber Wasungen und Ümmerstadt zu ringen und alle auswärtigen Schöppenstädtcreienwerden ihnen aufgebürdet. Erbeigenthümlich gehört Wasungen die Geschichte, daßein Fremder bei Wallendorf in die Werra fiel und bei Wasungen todt herausgezo-gen wurde, daß nun beide Orte darüber stritten, wer die Begräbnißkosten tragensolle und Wasungen sich endlich nur unter der Bedingung dazu herbeiließ, daß,wenn Jemand bei Wasungen ins Wasser falle und bei Wallendorf (eine Stundeoberhalb!) herausgeholt werde, auch Wallendorf die Unkosten trage.
Daß das Volk Vergnügungen weniger als jedes Andere liebe, ist ihm nichtnachzusagen: es ist lebensfroh und gastfreundlich. Neben Kirmeß und Vogelschießenhaben sich manche alte absonderliche Feste erhalten. In Nuhla wird das Laub-männchen gespielt, wobei die Mädchen einen jungen Burschen, den sie auszeichnen,dermaßen mit grünen Zweigen umwinden, daß er nur Augen und Füße noch freihat. Unter Gesängen umtanzen sie ihn und er hascht sie. Das Gregoriusfcst inMeiningen, wobei ein Knabe als Bischof gekleidet mit entsprechendem Gefolge dieDie Gegenwart. X. 28