Band 
Zehnter Band.
Seite
460
JPEG-Download
 

460 Thüringen.

Sollen die kleinen Landtage Nutzen stiften, so müssen sie ihre Wirksamkeit denVerhältnissen gemäß modificiren und beschränken. Sie dürfen das Mißtrauen gegendie Regierung nicht zum Princip erheben wollen, welches im großen Staat sehr ge-fährlich und im kleinen geradezu verderblich ist. Sie dürfen nicht in der großen Politikentscheiden wollen; denn, abgesehen von Anderin, was hat es gcnützt, daß all diekleinen Versammlungen „nach schwerem Kampfe" darüber abstimmten, ob die Grund-rechte publicirt, die Reichsverfassung angenommen, der Beschickung Erfurts Folge ge-leistet, die Union acceptirt, die Grundrechte wieder verlassen, der Bundestag herge-stellt werden solle? Die Ereignisse gingen unbekümmert um diese zehn- und zwanzig-fachen Beschlüsse ihren Schritt. Nothwendig ist die Volksvertretung für die kleinenStaaten, um die Finanzen geordnet zu erhalten und eine Controle über das Mini-sterium auszuüben, diesem Decharge zu ertheilen und, wenn auch nicht vermittelstweitläufiger Landtagsprotokolle, doch in einem öffentlichen Rechenschaftsbericht der Re-gierung das Mittel zur Verbreitung der Wahrheit über die innern Zustände, denNegierten das Mittel zur Überzeugung von der redlichen Absicht und zweckmäßigenThätigkeit der Regierung und der Landesvertreter zu geben. Der Gewinn landstän-discher Verhandlung für Gesetzgebung ist minder sicher; eine ausgedehntere Wirksam-keit des landständischen Ausschusses würde in den meisten Fällen weit gründlichereResultate erzielen und zugleich Geld, Arbeitskraft und Worte sparen. Bis dahin,daß der Deutsche Bund eine mehr organische Gestalt gewinnt, daß er sich mehr zumCharakter des Bundesstaats herausarbeitet, wird auch die Volksvertretung, werden, auch die Angehörigen des kleinen Staats zu reifern Anschauungen gelangen, um zu. begreifen, wie sehr sie von der Entwickelung der größer» Staaten abhängen; wieihnen, was Freiheiten und Rechte betrifft, nicht leicht etwas entgehen kann, waS sichdort bewährte; wie bei der Mitwirkung für die deutschen Geschicke ihre Fürsten we-nigstens mehr zu erringen im Stande sind als ihr Landtag.

-- In dieser Voraussetzung ist zu behaupten, daß die kleinen Staaten unter Staa-tenbundseinrichtung fortbestehen müssen, wie sie im Bundesstaat fortbestehen können.Auch die Schweiz hat ihre kleinen Cantone; auch Nordamerika hat kleinere Staaten.Delaware umfaßt nur etwa 100 Quadratmeilen, und gesetzlich können dort schon60000 Einwohner einen Staat bilden. Solange es in Deutschland Mittelstaatengibt, sind die kleinen Staaten eine Nothwendigkeit. Jede Verschmelzung derselben,jede engere Verbindung untereinander, sei es im Militärwcsen, sei es in derStimmenabgabe beim Bundestage, würde nur Resultate erzielen, die der Bedeutungund Haltung eines Mittelstaats gleich kämen, und dies müßte die Zersplitterung Deutsch-lands nur schärfer herausstellen. Während die großen Staaten sich selbst genugsind, die mittlern sich selbst genügen möchten, sind die kleinen in der Lage, stetsauf die Herstellung einer deutschen Centralgewalt und Nationalvertretung zurück-zukommen, welche die Interessen der großen, mittlern und kleinen Staaten um-spannen, die Einheit darstellen, die Gcsammtkräfte in Thätigkeit setzen und denNationalgeist beleben, der, solange der Panicularismus vorherrscht, unleugbar,Zwangerleiden muß. Allerdings haben die thüringischen Staaten gegen ihre Überzeu-gung von der Bundesreform, von Schleswig. Holstein, von Kurheffen abgelassen undsich der Herstellung des Bundestags gefügt, weil lediglich die Macht entschied. Siesind schwach geblieben, weil sie keine Unterstützung fanden, weil auch in den größer»und großen Staaten die nationale Kraft und das Nechtsgefühl nicht ausreichten.Durchsehen wird ein thüringischer Fürst, der isolirt dasteht, nicht leicht etwas; aberer kann zeigen, was ein mächtigerer Monarch zu leisten im Stande wäre; unddeshalb sehe» wir es nicht als bedeutungslos an, daß, wie einst Herzog Karl Augustvon Weimar eine Schirmvogtci über die bis dahin zurückgesetzte deutsche National-literatur übte, um den übrigen, namentlich den größer» deutschen Staaten zu zeigen,was ihre Schuldigkeit sei, gegenwärtig Herzog Ernst II. von Koburg-Gotha den liberalenund nationalen politischen Ideen aufrichtig die Hand reicht, um zu zeigen, sie seiennicht so destructiv, unpraktisch und verwerflich, daß ein Fürst sie nicht erfassen dürfe.