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Zehnter Band.
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Die neuere Physiologie rc. 481

Weise, wie gewisse Geschwülste und Auswüchse, nur daß sie, durch einen hohemProceß der Lebengebung, dessen Wesen man nicht weiter definiren kann, Leben undorganische Form erhielten. Die Volkserkenntniß, die wenigstens einen Schein derWahrheit in der Meinung behält, daß diese Schmarvtzerwürmer durch die Nahrungund das Wasser in den menschlichen Leib eingeführt werden, wird auf diese Weisebei Seite gedrückt, und der Laie begnügt sich mit der Erklärung des Arztes, die erumsomehr annimmt, je unverständlicher sie ist.

Die Untersuchungen der Neuzeit habe» allen diesen Theorien den Stab gebrochen.Schon früher kannte mau die erstaunliche Fruchtbarkeit der meisten Eingeweidewürmer.Ein einziger Bandwurm erzeugt jährlich mehre Millionen Eier; ein Spulwurmübertrifft ihn vielleicht noch an Fruchtbarkeit. Der Riesenpfahlwurm, der sichglücklicherweise nur höchst selten in der Niere des Menschen findet und dort unaus-weichlich durch die Zerstörung des Gewebes den Tod verursacht — dieser Wurm, derwol einer der unfruchtbarsten sein dürfte, erzeugt dennoch wenigstens Hundert-tausende von Eiern i» einem Jahre. Diese entsetzliche Eiproduction ist aber nicht, wiebei vielen andern Thieren, auf ein einziges mal beschränkt. Die Spulwürmer undübrigen Rundwürmer leben sicher mehre Jahre lang, und unausgesetzt geht die Bil-dung von Eier» oder lebendigen Jungen vor sich. Bei den Bandwürmern aber ist dieFortzeuguug vollends fast unbegrenzt, denn .bei diesen, weiß man jetzt, ist der sowinzige Kopf mit dem dünne» Halse dahinter, welcher an der Darmwandung fest-gehängt sitzt, das eigentliche productive Thier, welches an seinem Hintern Ende durchSprossung stets neue, zwar in vielfacher Beziehung unvollständige Thiere entwickelt,die an dem Mutterthiere hängen bleiben und sich so als Glieder darstellen. JedesBandwurmglied ist ein selbständiges Geschlechtsthicr, jedes dieser Glieder hat männ-liche und weibliche Fvrtpflanzungsorgane, jedes erzeugt Tausende von Eiern, und wenndiese Eier reif sind, so löst sich das Glied oder eine Reihe von Gliedern ab undgeht mit dem Kothe ab, um außerhalb ein neues Leben zu beginnen, neue Ent-wickelungsstadicn zu durchlaufen. Der festsitzende Kopf läßt unterdessen neue Glie-der hervorsprossen, und die abgestoßenen reifen Glieder werden durch unreife ersetzt,die allmälig heranwachsen und sich ausbilden. Wenn man bedenkt, daß das reifeGlied eines Kürbisbandwurms (Issnia Solium) uur einen Vicrtelszoll Länge besitzt,daß ei» solcher Bandwurm eine Länge von vielleicht 100 Fuß erreichen kann, unddaß jedes von den 4800 Gliedern, welche einen solchen Bandwurm zusammensetzenwürden, eine Mutter von vielleicht 1000 Eiern ist, so darf man daraus einenSchluß auf die ungeheure Productionsfähigkeit eines solchen winzigen Kopfes machen.Der mit einem Bandwurm behaftete Mensch trägt demnach in seinen» Leibe einestets sprudelnde Quelle von mikroskopischen Bandwurmeiern mit sich herum, die erüberall mit seine» Exkrementen umherstreut, womit er Kothgruben und Miststättenerfüllt, und die mit dein Dünger und der Jauche dann überall hingelangen. DerAckersmann, welcher mit solchem Miste düngt, der Bauer, der mit solcher Jaucheseine Felder und Wiesen bcgießt, der Gärtner, der seine mit solcher Jauche gefüllteGießkanne über Gemüse und Küchenkräuter sprudeln läßt — Alle diese säen damitunbewußt Bandwurmeier in die Erde, auf die Pflanzen, auf die zum Behufe dertäglichen Nahrung cultivirten Gewächse. Der Abfluß von Abtritten, deren sich band-wurmkranke Menschen bedienten, schwemmt Hunderttausende und Millionen mikrosko-pischer Eierchen mit sich in die Bäche und Flüsse, die vielleicht von den Wasser-bewohnern aufgenommen, vielleicht auch an den» Ufer angeschwemmt werden.

Damit »licht genug. Diese Eier haben eine Lebensfähigkeit, welche fast diejenigeder Samenkörner übertrifft, die mit den Mumien einbalsamirt wurden. Sie wieder-stehen den meisten zerstörende» Agentien, die sich in der freien Natur finden. Über-maß von Feuchtigkeit hat ebenso wenig Einfluß auf sie wie vollständige Austrock-nung; Hitze und Kälte gehen wirkungslos an ihnen vorüber; die scharfen Laugenund Salze der Jauchen und faulenden Stoffe zerstören nicht ihre Entwickelungsfähig-Die Gegenwart. X. 31