Die neuere Physiologie rc. 491
der Samenthierchcn herleiten kann. Die Menge der Flüssigkeit, in welcher diese sichbefinden, ist oft außerordentlich gering: meistens wird dieselbe sogar nur von denNebenorganen der Leitungsapparate geliefert. Schon im vorigen Jahrhundert be-wiesen die Versuche Spallanzani's, daß nur die Samenthicrchen das befruchtendeElement seien und daß die Flüssigkeit, wenn man sie abfiltrire, keine Einwirkungauf die Eier habe. Diese Erfahrungen sind durch alle nachfolgenden Forschungennur bestätigt worden. Nur das Samenthierchcn befruchtet; die Flüssigkeit, inwelcher es sich befindet, dient nur als Mittel seiner Lebenserhaltung oder als Vehi-kel zu seiner Fortbewegung. Deshalb entwickeln sich auch die Samcnthierchen erstin der Zeit der geschlechtlichen Reife oder periodisch für die Wiederkehr der Brunst,deshalb verschwinden sie aus den Zeugungsorgane», sobald die Forkpflanzungsfähig-keit aufhört. Unter 51 Greisen von.60 bis über 80 Jahren fand man zwar nochSamenkörpcrchen in 37 Fällen, aber auch darunter befanden sich noch 14 Fälle,in denen sie äußerst sparsam waren, und 10 Fälle, wo Unregelmäßigkeiten in ihrerForm beobachtet wurden. Alle diese Thatsachen deuten überzeugend darauf hin, daßnur dann der männliche Samen befruchtend einwirken kann, wenn die Samcnkör-perchen in voller Lebensthätigkeit in ihni entwickelt sind. Wir werden in der Folge'sehen, wie die neuern Untersuchungen überzeugend darthun, daß in der That dieSamenthierchcn eine durchaus nothwendige und wesentliche Rolle bei dem Processeder Befruchtung spielen.
Unter den weibliche» Zeugungsorgancn des Menschen sind es die Eicrstöcke, zweiglatte ovale, gegen anderthalb Zoll lange, bläulich weiße, in der Tiefe des Beckensliegende Körper, welche die Keime oder die Eier liefern. In dem festen Faser-gewebe dieser Körper findet man unregelmäßig zerstreut eine große Menge rundlicherHöhlungen oder Kapseln, die eine wasserhelle Flüssigkeit enthalten und die man dieGraaf'schen Bälge zu nennen Pflegt. Früher hielt man diese Kapseln für die wirk-lichen Eier, später überzeugte man sich, daß in ihnen ein kleines, nur bei höchsterAnstrengung und günstigem Lichte mit bloßem Auge bemerkbares Bläschen liegt, welcheserst das eigentliche Ei ist. Die äußere Hülle dieses höchstens ein Zehntel-Linie imDurchmesser haltenden Bläschens wird von einer dicken, glashcllen Haut gebildet,der Dotterhaut, die einen etwas gelblichen körnigen Dotter umschließt. Bei demMenschen wie bei den meisten Thieren scheint der Dotter wesentlich aus zwei Sub-stanzen zusammengesetzt zu sein: aus fettartigen Körnchen oder Tröpfchen und auseinem mehr ciwcißartigen Stoffe, der bald flüssiger, bald fester ist. In dem Dotterselbst aber liegt gewöhnlich hart an der innern Wand der Dotterhaut ein zweites kleines,vollkommen durchsichtiges, mit Wasserheller Füssigkcit gefülltes Bläschen, welches höch-stens eine Funfzigstel-Linie im Durchmesser mißt und das Keimbläschen genannt wird.Auch dieses enthält nicht blos wasserhelle Flüssigkeit: man findet in ihm bald, wiebei dem Menschen und bei den Säugethiercn, einen kleinen rundlichen, etwas dunkel-körnigen Fleck, bald kleine Bläschen oder Tröpfchen. Alle diese im Innern desKeimbläschens sich vorfindenden Gebilde hat man mit dem Namen dcS KcimfleckeSbelegt. Dotter und Keimbläschen mit seinem Inhalte sind die wesentlichen Urtheiledes Eies, die bei dem unbefruchteten, unreifen Eicrstockseie unter keinen Umständenfehlen und überall in der Thicrwelt zu finden sind. Überall sind demnach die erstenGrundlagen des zu erzeugenden Jungen mikroskopische Elemcntarthcile, die sich einerZelle durchaus ähnlich verhalten. Auch die Dotterhaut ist meistens vorhanden, nurin seltenen Fällen scheint sie gänzlich zu fehlen und der Dotter nur eilte wachsartige,körnige Masse darzustellen, die auch ohne umschließende Haut zusammenhält. Alleübrigen Theile, die man sonst noch an Eiern findet, sind theils Schutzorgane,theils auch Massen, welche zur Ernährung und zum Ausbaue des Jungen bestimmtsind und später erst um die Urtheile des Eies herum gelagert werden. Der Dotterist die veränderlichste Größe unter den Urtheilen des Eies. Sehr oft wird seine Massenoch innerhalb des Eierstvckes bedeutend vermehrt, und oft in der Weise, daß die neu-gebildeten Lagen von dem ursprünglichen Dotter durch wesentliche Charaktere ver-