502 Die neuere Physiologie rc.
nein! er gibt Stoff von seinem Stoff und bedingt dadurch auch jene stofflicheÄhnlichkeit des Kindes, welche bei der Annahme der Gährungswirkung ein voll-ständiges Mysterium bleiben mußte. Es wird uns freilich vorderhand noch immerein Räthsel bleibe», in welcher Weise es geschehe, daß ein Ei und ein Samenkör-perchen, welche beide scheinbar keine besondere individuelle Form besitzen, dennochdurch ihr Zusammenwirken individuelle Gestalten hervorbringen können, die den Er-zeugern nach beiden Seiten hin ähnlich sind; die Familienähnlichkeiten sind abernichtsdestoweniger ganz gewiß vorhanden. Das Kind besteht seiner ganzen Bildungnach aus einer Zusammenmischung der väterlichen und mütterlichen Eigenthümlich-keiten, die sich freilich innerhalb des Typus der Art halten, aber dennoch in diesenSchranken eine unendliche Manmchfaltigkeit hervortreten lassen können. Die Erken-nung dieser feinern Unterschiede und Ähnlichkeiten hängt meist von der genauen Be-kanntschaft mit dem Gegenstände, d. h. von öfters wiederholter, in die Einzelheiteneingehender Beobachtung ab. Bei den uns ferner stehenden Thieren unterscheidenwir meist nur die Ärt, erkennen aber auch bei speciellerer Bekanntschaft, wie z. B.bei Hausthieren, die individuellen Eigenthümlichkeiten, die sich auf die Nachkommenforterben. In der richtigen Mischung dieser Eigenthümlichkeiten beruht ja einzig dieZüchtung der Raren unserer Hausthicre, welche unter der Hand intelligenter Land-wirthe so bedeutende Fortschritte gemacht hat. Das Resultat ist hier fast ebensosicher wie dasjenige, welches aus der Mischung verschiedener Farbestoffe zu einerMittelfarbe hervorgeht. Die verschiedenen Nacen, welche man unter den Hundenz. B. zu diesen, oder jenem Zwecke erzeugt hat, sind einzig aus der bewußten An-wendung des Grundsatzes hervorgegangen, daß das Kind eine Mischung aus den Cha-rakteren der Ältern sei, weshalb man denn in succedirenden Generationen je nachWillkür die Charaktere des Vaters oder der Mutter mehr hervorheben kann. Freilichschwankt das Resultat der Mischung in gewissen Grenzen, denn nickt jedes Kind istden andern gleich, ja nicht alle Jungen eines und desselben Wurfs gleichen einander. .Bei dem einen zeigt sich mehr Anschluß an die Eigenthümlichkeiten des Vaters, beidem andern mehr an die Eigenthümlichkeiten der Mutter. Vielleicht dürfte aber auchjetzt schon in den vorhandenen Thatsache» ein Anhaltspunkt zur Lösung dieser Fragenliege». Die Zahl der Samenkörperchen, welche in das Ei eindringen, ist den Be-obachtungen zufolge eine wechselnde — in das eine Ei treten mehr, in das andereweniger Samenthierchen ein. Dürfte daraus nicht der Schluß gezogen werden kön-nen, daß die Mitgäbe der väterlichen Eigenthümlichkeiten um so bedeutender sei, jemehr Stoff der Vater zu dem Dotter liefert, d. h. je mehr Samenkörperchen indas Ei eindrangen?
Die Forterbung der Eigenthümlichkeiten erstreckt sich gewiß nicht nur auf dasAntlitz, sondern auch auf alle äußern und innern Theile des Körpers. Sieht mangenau zu, so wird man ebcnsowol,.in der Statur, in der Bildung des Kopfes,der Hände und Füße die Züge der Ältern wiederfinden, wie in den geistigen Eigen-schaften, die ja ebenfalls nur ein Resultat der Bildung des Gehirns sind. Schondie Forterbung gewisser erblicher Krankheitsanlagen deutet darauf hin, daß in deninnern Organen nach Form und Zusammensetzung die österlichen Eigenthümlichkeitenwiederkehren. Allen diesen Verhältnissen, die man schon lange kannte, ist jetzt durchdie neuern Untersuchungen die stoffliche Grundlage gegeben, von welcher sie aus-gehen. Damit ist aber zugleich der Richtung der Naturwissenschaft, welche jetzt dieallgemeine Anerkennung gefunden hat und welche die Function von d§r Zusammen-setzung und der Form des materiellen Substrates abhängig macht, aufs neue eine be-deutende Stütze verliehen.
Vielfach hm man sich mit der hier einschlagenden Frage beschäftigt, ob esmöglich sei, bei der Zeugung das Geschlecht der Frucht zu bestimmen, und welchesdie Momente seien, die in dieser Beziehung einen bestimmenden Einfluß ausüben.Solange man die Bedingungen der Befruchtung nicht kannte, mußte natürlich einjeder Versuch zur Lösung dieser Frage vollkommen in der Unklarheit umhertappen, und