Band 
Zehnter Band.
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Die neuere Physiologie rc. 503

auch jetzt noch ist es unmöglich, an die vorhandenen Thatsachen in irgend einerWeise anzuknüpfen und zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen. Wenn manglauben könnte, dafi die Zahl der Samenthierche», welche in das Ei eindringen, dermehr oder minder großen Ausbildung der väterlichen Eigenthümlichkeiten bei derFrucht entspräche, und daß davon auch das Geschlecht derselben abhinge, so darf manauf der andern Seite nicht vergessen, daß oft gerade die Mädchen dem Vater, dieKnaben der Mutter in ihren Eigenthümlichkeiten mehr entsprechen, sodaß also der-selbe Grund, welcher die Summe der ererbten Eigenthümlichkeiten mehr nach dereinen Seite hin vergrößerte, das Zünglein der Wage hinsichtlich des Geschlechtsnach der andern Seite hin ausschlagen ließe. Jedenfalls also läßt sich aus den bis-her bekannt gewordenen Thatsachen in keiner Weise irgend ein Verfahren ableiten,welches die Bestimmung des Geschlechts der Frucht in den Willen der Zeugendenlegte; umsoweniger, als, wie wir gesehen haben, die Befruchtung des Eies einvon dem Zeugungsacte durchaus unabhängiges Moment darstellt.

Den einzigen Anhaltspunkt geben hier statistische Untersuchungen, die aber frei-lich stets nur eine Wahrscheinlichkeit, niemals eine Gewißheit für den speciellen Fallgeben können. Diese Untersuchungen haben nachgewiesen, daß in Beziehung aufdas Geschlecht der Nachkommenschaft das Alter der beiden Zeugenden einen wesent-lichen Einfluß übe, und es ist wol möglich, daß auch in Beziehung auf andereEigenthümlichkeiten dieser Einfluß sich geltend mache. Es steht jetzt fest, daß um-somehr Knaben in einer Ehe geboren werden, je älter der Mann im Verhältnißzur Frau ist, wobei man einen Unterschied von 6—10 Jahren etwa als dasjenigeVerhältniß ansehe» muß, in welchem beide Altern einander das Gleichgewicht hal-ten. Bei gleichem Alter oder bei überwiegendem Alter der Frau steht die Wahr-scheinlichkeit zu Gunsten der Mehrzahl weiblicher Nachkommenschaft. Das Über-gewicht der neugeborenen Knaben im Verhältniß zu den Mädchen, welches sich von102 —107 zu 100 je nach den verschiedenen Ländern abstuft, rührt, wie es scheint,einzig davon her, daß i»i Durchschnitte die Männer 10 —15 Jahre älter sind alsihre Frauen. Die Statistik tritt somit der gewöhnlichen Volksansicht schnurstracksentgegen, indem sie uns belehrt, daß bei Ehen von Greisen mit jungen Mädchendie größte Wahrscheinlichkeit für die Erzeugung von Knaben vorhanden sei.

Wenn es somit nicht in der Hand des Einzelnen liegt, daS Geschlecht seinerNachkommen zu bestimmen, so ist es dagegen in den Wille» der Allgemeinheit oderder Staatsgewalt gelegt, das Verhältniß der geborenen Knaben zu denen der Mäd-chen innerhalb gewisser Grenzen zu modisiciren, indem sie durch Hindernisse, welcheder frühzeitigen Schließung der Ehen in den Weg gelegt werden, das Alter derMänner bei der Heirath mehr hinaufschraubt und dadurch einen Ausschlag zu Gun-sten zahlreicherer Knabengeburkcn gibt. In der That dürfte es wol nicht schwersein, bei genauer» statistischen Nachweisen über Nordamerika oder die Schweiz z. B.im Verhältniß zu den monarchischen europäischen Staaten einen solchen Nachweiszu führen.

Wir können mit vollem Fug und Recht den Dotter, der durch Verschmelzungdes Keimbläschens und der Samenthierche» mit dem ursprünglichen Dotter desEierstockseies entstanden ist, den embryonalen Dotter nennen, da aus ihm erst derAufbau des Embryo möglich ist. Die Vorgänge, welche diesen Aufbau einleiten,beruhen zunächst auf einer Concentration, dann auf einer Spaltung der Dottermasse,die nach und nach zu besondern Bildungsclcmenten, zu Bildungszellen, sich um-wandelt. Die erste Einleitung zu allen diesen Vorgängen ist eine kräftige Ver-dichtung der Doktermasse, die nun einen kleinern Raum einnimmt und innerhalbder Dotterhaut in einer Flüssigkeit schwimmt, die großentheils durch diese Verdich-tung selbst aus dem Dotter herausgeprcßt ist. Es scheint diese Concentration einziemlich allgemein stattfindender Vorgang zu sein, der aber deshalb oft der sinnlichenAuffassung entgeht, weil die Dotterhaut oder die umgebenden Theile nicht fest ge-nug find, um ihre ursprüngliche Gestalt zu behaupten, sobald der sich verdichtende