514 Die neuere Physiologie rc.
und Schmetterling die drei Gradationen des Entwickelungslebcns mit großer Schärfezur Anschauung brachten. Was man bei den Schmetterlingen Raupe nannte, wurdebei den übrigen Thieren Larve genannt. Es war nicht möglich, in dieser Beziehungsich zu irren. Die Larve bewegte sich, nahm Nahrung ein, die Puppe hielt eineArt äußern Schlafs, während dessen sich die innern Organe soweit entwickelten,daß der fertige Schmetterling aus der Hülse hervorbrechen konnte. Die Larve hattekeine Geschlechtsorgane, im Puppenzustande wurden diese ausgebildet, um im ent-wickelten Zustande fungiren zu können. Die Begriffe waren somit bei geringererAusbreitung der bekannten Thatsachen leicht faßlich, leicht scheidbar.
Aber schon bei denjenigen Insekten, wo niemals ein ruhender Puppenzustandeintrat und dennoch ein Larvenzustand vorhanden war, der durch verschiedene Häu-tungen in den vollkommenen Zustand übergeführt wird, war eine Verwirrung derBegriffe möglich, und je vielfältiger die Thatsachen sich mehrten, desto mehr mußteman einsehen, daß auch hier die Natur eine Menge von Übergängen vermittelt hatte,welche unter die starren Begriffe sich nicht ganz unterordnen wollten. Die Vor-gänge der Metamorphose, mit welchem Worte man alle diese verschiedenen Larven-encwickelungen bezeichnete, wurden bei einer Menge von Thieren nachgewiesen, beidenen nian sie früher nicht kannte, und die graduellen Übergänge in den einzel-nen Stadien erwiesen sich oft als unzureichend charaklerisirt durch die wenigen Be-griffe, die man aufstellen konnte. Wenn man jetzt ziemlich übereingekommen zu seinscheint, unter dem Ausdruck Larven denjenigen Zustand der Entwickelung einesThieres zu bezeichnen, welcher durch die Gegenwart provisorischer Organe oder Ein-richtungen charakterisirt ist, durch deren Verschwinden das junge Thier in den nächst-folgenden Entwickelungszustand übergeht, so finden so außerordentlich wechselndeVerhältnisse dieser provisorischen Organe zum Gesammtkörper statt, daß nian wahr-lich nicht recht weiß, wie Alles dies unter einen Hut zu bringen sei. Wenn dieSeesternlarve aus einem großen Schwimmgerüste zusammengesetzt ist, an welchem derScestern etwa hängt wie eine Mütze auf dem Kopfe, so wird man gewiß ebensostutzen, daß man ein solches Gebilde eine Larve nennen soll, wie man sich davorhüten wird, den neugeborenen Walfisch deshalb eine Larve zu nennen, weil er pro-visorische Kauorgane besitzt, d. h. Zähne, die ihm später ausfallen und die nichtdurch Zähne ersetzt werden. In dem einen Falle, bei der Seesternlarve, überwiegendie provisorischen Organe bei weitem, und der Körper des Jungen erscheint nurwie eine Knospe im Innern des Larvenkörpers; bei dem andern sind die provisori-schen Organe so geringfügig, daß sie sogar lange der Beobachtung entgingen unddaß ihr Verschwinden in keiner Weise eine auffallende Veränderung des ganzenWesens hervorbringt. Will man aber diesen Charakter des Auffallenden, wie esauch schon geschehen ist, mit festhalten, so tritt eben wieder die Schwierigkeit ein,zu bestimmen, was auffallend sei und was nicht.
Auch der Charakter des selbständigen Lebens kann gewiß nicht für die allge-meinere Betrachtung der Enkwickelungstypen ein leitendes Princip darstellen, dadurchaus analoge Vorgänge bei verwandten Thieren hier im Ei, dort im selbständi-gem Freileben sich abwickeln können. Wenn die Froschlarve schon sehr früh das Eidurchbricht, und mit freien äußern Kiemen, ohne Glieder, als Larve sich zeigt, sofindet nian in dem Ei, der Geburtshelferkröte Embryonen mit ganz analogen Zu-ständen, die aber das Ei erst verlassen, wenn ihre Beine sich zu entwickeln begin-nen. Der Grund dieser Verschiedenheit liegt offenbar nur darin, daß die Geburts-helferkröte sich mit ihren Eiern in feuchten Mergel vergräbt, in welchem die Jungendurchaus nicht existiern könnten, wenn sie in so unentwickeltem Zustande das Eiverließen, als dies bei den Fröschen geschieht, die ihre Eier im Wasser ablegen.
Wir müssen deshalb zugestehen, daß die Metamorphose und die Ausstattung
eines sich entwickelnden jungen Thieres mit provisorischen Organen ebcnsowol inner-halb der Eihüllen als außerhalb derselben stattfinden könne, und daß im Grunde
kein wesentlicher Unterschied vorhanden sei zwischen solchen Thieren, welche eine