516 Die neuere Physiologie rc.
Eigenthümlichkeiten dieser oder jener Form auf allen ihren verschiedene» Wanderun-gen nachzuweisen, konnte es gelingen, in diesem Labyrinthe den leitenden Faden zufinden und hinzudeuten auf den Weg, auf welchem die Eingeweidewürmer in denmenschlichen und thierischen Körper gelangen und welche Umänderungen sie aus die-sem Wege erleiden. Diese Untersuchungen sind gewiß nicht nur für die Wissenschaftinteressant, sondern auch von ungemeiner praktischen Bedeutung sowol für die Heil-kunde als auch für die Landwirthschaft, welche in gewissen Zweigen, wie z. B. inder Schafzucht, große Einbuße durch die Verbreitung der Eingeweidewürmer er-leiden kann.
Gerade bei diesem Punkte, den weiter auszuführen unmöglich wäre, dürfenwir nicht unerwähnt lassen, daß mannichfaltige Beziehungen zwischen dem Larven-typus einerseits und den Ammen, welche bei der abwechselnden Generation die Knos-pen entstehen lassen, andererseits cxistiren, Beziehungen, die man selbst dann auch an-erkennen kann, wenn man überzeugt ist, daß der Generationswechsel nicht blos eineLarvenfortpflanzung durch Knospung ist. Beide Vorgänge laufen allerdings danngewissermaßen ineinander, wenn nur eine einzige Knospe erzeugt wird, wie z. B.eben bei den Seesternen, wo an dem Larvengestelle nur eine einzige Knospe entsteht,nach deren Ablösung das Larvengestell zu Grunde geht. Hier kann zu einer schar-fen Entscheidung sicher nur das weitere Schicksal des abgeworfenen Theiles führen,von welchem die Knospung ausging. Geht dieser zu Grunde, nachdem die Knos-penzeugung vollendet ist, so war er eben ein selbständiges Fortpflanzungsthier, demkeine Weiterentwickelung zugesagt ist; bildet er sich aber weiter aus, erreicht erandere Formen durch Verschwinden provisorischer Organe oder durch Hinzubildungneuer, so wäre er eine Larve, deren Charakter eben ist, zu weiterer Selbstenkwickelungfähig zu sein. Alle Bemühungen, die in der neuesten Zeit so zahlreich waren, hiervollkommen feste Begriffe aufzustellen, scheitern so ziemlich an der Natur, die stetsneue Phänomcnreihen uns vor Augen führt, welche die Begrenzung der eben erstgegebenen Definitionen im nächsten Augenblicke wieder unhaltbar machen. Nichts-destoweniger dürfen wir sagen, daß alle diese Erscheinungen: Larvenmctamorphose,Generationswechsel, Ammenzeugung, ungeschlechtliche und geschlechtliche Fortpflanzungjetzt den wahren Angelpunkt bilden, um den sich sämmtliche Fortschritte der Natur-geschichte der niedern Thierwelt drehen, und daß diese Fragen auch noch für längereZeit in dieser Beziehung den wesentlichsten Einfluß behaupten werden.
Die genauere Analyse der Larvenmctamorphose, sowie überhaupt der Entwicke-lungszustände im Ei erscheint in der neuern Zeit besonders deshalb wichtig, weilsie einen Schlüssel gab zur genauern Vergleichung derjenigen Thierformen, welcheeinem gemeinschaftlichen Entwickelungstypus angehören. Man kann im Allgemeinensagen, daß die höher» Formen desselben Typus in ikrem Entwickclungsleben Zuständedurchlaufen, analog denen, welche in den niedern Formen bleibend dargestellt sind,sodaß also die Bildung eines gewissen Typus, wie er in der Gesammtheit der erwach-senen Thicrwelt sich darstellt, gewissermaßen auch in der Entwickelung des höhergestellten Individuums dargestellt wird. Es ist freilich wahr, daß dieses Principmit einer gewissen Vorsicht aufgefaßt werden muß, indem stets der specielle TypuS,nach welchem eine Form sich entwickelt, gewissermaßen in Conflict geräth mit demGrundplane, der allen dem Typus angehörenden Thieren gemeinschaftlich ist, unddeshalb bei dem erwachsenen Thiere in Übereinstimmung mit seiner Nahrung, sei-ner Lebensweise Theile so ausgebildet oder Organe so entwickelt sein können, daßder gemeinschaftliche Grundplan fast gänzlich unter diesen specifischen Auswüchsen ver-deckt sein kann. Die überwundene naturphilosophische Periode der Wissenschaft, diejetzt als Teleologie aufs neue sich einzuführen strebt, hatte schon eine Ahnung vondiesem Verhältniß, das sie aber allzu schroff und zugleich einseitig ausdrückte, indemsie behauptete, das höhere Thier durchlaufe alle niedern Stufen, ehe es zu seinerendlichen Ausbildung gelange. Dies ist gewiß, wie die neuere Forschung dargethanhat, eine unrichtige Auffassung der Thatsachen. Jeder Entwickclungstypus, der sich