Die neuere Physiologie rc. 517
in der Thierwelt darstellt und mit niedern und höher» Formen in erwachsenen Thie-ren sich ausprägt, hat seine verschiedenen Stadien, welche von den dem Kreise an-gehörenden Thieren in analoger Weise durchlaufen werden: das eine hält hier, dasandere dort an und bildet sich nach einer etwas abweichenden Richtung weiter aus.Indem der specielle Familien- oder Artentypus mehr und mehr die Oberhand ge-winnt, entsteht nach und nach die für sich bestehende Form, die dem engern Typuseigenthümlich ist. Die Ei- und Larvenmetamorphose der höher» Thiere stellt dem-nach in ihren verschiedenen Phasen die Entwickelung bei weitem unverfälschter darals die Gesammtheit der ausgewachsenen Thiere, indem die störenden Nebenorgane,welche den äußern Lebensbedingungen angepaßt sind, bei den Embryonen und Lar-ven größtentheils wegfallen. Wen» aber, wie überall, so auch in der Wissenschaftdie leichtere Besiegung der Schwierigkeiten einen großen Vortheil gewährt, so dürfteauch in dieser Beziehung die Handhabe, welche die Entwickelungsgeschichte gewährt,einen Vorzug vor jener nothwendig weit schwierigern Untersuchungsmethode gewäh-ren, die sich nur an die erwachsenen, ausgebildeten Thiere halten will.
Hiermit dürfte aber der Nutzen, den dieser fast durchaus neue Zweig der Wis-senschaft gewährt hat, noch nicht begrenzt sein. Man kann nicht leugnen, daß diegenetische Betrachtungsweise auch noch auf einen gewissermaßen angewandten Zweigder zoologischen Wissenschaft ausnehmend befruchtend eingewirkt hat, nämlich auf diePaläontologie oder Verstcinerungskundc. Von verschiedenen Seiten schon ist nachdrück-lich darauf hingewiesen worden, daß die untergegangenen Schöpfungen in ihren allge-meinen Zügen denselben Gang der Entwickelung durch die Epochen der Erdgeschichtehindurch wahrnehmen lassen, den man bei den individuellen Typen oder bei der Be-trachtung der jetztlebenden Schöpfung in ihrer Gesammtheit erkennen kann. Wenndie Nichtigkeit dieses Grundsatzes, der vielen Forschern in der Versteinerungskundejetzt als leitendes Princip gilt, auch noch nicht überall nachgewiesen werden konnte,so liegt dies gewiß mehr in äußern Schwierigkeiten als in der Unrichtigkeit desPrincips. Wenn man bedenkt, daß die vorübergehenden Zustände der höher» Thierein den niedern Formen meist durch solche Structurelemente hergestellt werden, welcheder Zerstörung leicht anheimfallen, wie z. B. bei dem Skelet durch Knorpel; wennman ferner bedenkt, daß diejenigen Theile, welche bei der Versteinerung erhaltenwerden, wie z. B. bei den niedern Thieren die Schalen und starren Gerüste, oftnur höchst unwichtige Theile des Gesammtorganismus darstellen: so wird man leichteinsehen, daß die Forschungen auf diesem Felde »och weit schwieriger und weit grö-ßer« Schwankungen unterworfen sein müssen, als die Beobachtungen der jetzt leben-den Natur ES mag uns deshalb genügen, hier auf diese Seite der naturgcschicht-liche» Forschung aufmerksam gemacht zu haben, welche angestrengten Bemühungen,die aber zugleich mit kombinatorischem Scharfsinn verbunden sein müsse», noch reicheAusbeute verspricht.
Schon von frühester Zeit an haben die abnormen Bildungen, die sogenanntenMißgeburten, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und es war natürlich,daß zur Betrachtung derselben, zur Darlegung der Ursachen, aus denen sie ent-standen, nur die genaue Kenntniß der Emwickelungszustände den Schlüssel gebenkonnte. Bei den Gebildeten wenigstens dürften jetzt wol jene Ansichten einer fin-stern Zeit verschwunden sein, wo man diese Misgeburten als unmittelbare Einwir-kung der schöpfenden Thätigkeit, als Strafen für die Individuen oder auch als Dro-hungen „für eine mehr oder minder ausgebreitete Gesellschaft ansah. Man hat jetztzu der Überzeugung kommen müssen, daß diese Mißbildungen, die oft so abschreckendeFormen zeigen, größtentheils in abnormer Ausbildung von Formen beruhen, die indem normalen Entwickelungsgänge als vorübergehende Stadien ausgebildet sind, unddaß diese Regelwidrigkeiten von ähnlichen Ursachen herrühren können, wie alle übri-gen regelwidrigen Zustände, die den Körper in spätern Zeiten befallen. Es scheintsogar, als ob bei gewissen nieder» Thieren regelwidrige Zustände in die Entwicke-lung eingeschoben werden könnten, welche durch die häufige und fast regelmäßige