53V Iudenthuln.
wüthig sich bückende Jude jener Zeit haßte seine Bedrücker nicht so sehr, als er sieverachtete, als er sich in seiner scheinbaren Niedrigkeit unendlich über sie erhaben fühlte.
Innere Zustände; erstarrende Abschließung.
Der Jude, dem die Welt um ihn her eine unzugängliche Fremde war, mußteund wußte sich eine Welt aufzubauen, die er sich zur Heimat machte, eine Welt,die der Gegenwart entrückt, ihren Erscheinungen und ihrer Entwickelung fremd, indem Boden einer fernen Vergangenheit wurzelte und in die unbekannten Raumeeiner noch fernern Zukunft hineinragte: eine Welt, die der freudlosen Wirklichkeitentrückt, mit glänzenden Bildern der Erinnerung und der. Hoffnung geschmücktwar. Der heimatlos Umhergetriebene oder der heimatlos Geduldete trug seine Hei-mat mit sich, die ihm Niemand rauben, Niemand verkümmern konnte. Nicht diedüstern Mauern seiner Wohnung waren diese Heimat: er betrachtete sie nur wie dieleichtzerstörbaren Hütten der Wüstenwanderung. Er suchte diese Heimat nicht in denGotteshäusern, die er in der Fremde aufgerichtet, denn sie waren ihm nur die zufälligeund wechselnde Stätte seiner Religionsübung. Er fand und trug die Heimat vielmehrmit sich in der strengumgrenzren und unwandelbaren Gleichmäßigkeit seines Lebensund Thuns, seiner Sitten und Gebräuche, seines Denkens und Empfindens. Dennhierdurch allein fand er in allen Zeiten und in allen Zonen, unter allen Völkernund unter jeglichen Verhältnissen sich selbst und all die Seine» immer als dieselbenwieder, überall heimisch ohne Heimat, von keiner äußern Bedingung des Lebens ab-hängig, und keiner äußern Einwirkung zugänglich.
In dieser freiwilligen und unzugänglichen Abschließung von dem gesummtenLeben der äußern und wirklichen Gegenwart fand er Alles wieder, was ihm diesegrausam versagte. Ein Vaterland, das er in dem Staat, der ihn aufgenommen, nichtfand und nicht suchte, entbehrte er nicht: er besaß es in dem gelobten Lande, an dassich all sein Erinnern und all sein Hoffen knüpfte. Er hatte dieses Vaterland sowenigverloren wie der Verbannte, als der er sich fühlte, und der mit sehnsuchtsvoller Zuver-sicht dem großen Umschwung der Dinge cntgegenharrt, der ihn in Glanz und Ehredahin zurückführt. Jeder Tag vernahm seine Klage über das Weh dieser Verban-nung, jeder Tag sein Gebet um die Gewährung seiner Rückkehr. Die Geschichtevon zwei Jahrtausenden ging unbeachtet an ihm vorüber; die großen Schicksale derVölker erschütterten ihn nicht! Zwischen dem Fall Jerusalems und dem Wiederauf-bau des Tempels lag für ihn weiter nichts als das göttliche Strafgericht der Ver-bannung Jsrael's, das mit der Rückkehr Jsracl's, mit der Wiederaufrichtung Judasund des Tempels enden mußte, um die göttliche Verheißung zu erfüllen. Wie derlängst verlassene und verlorene Boden Palästinas immer noch sein Vaterland, sowar die weithin über alle Lande zerstreute Schar seiner Glaubensbrüder ihm immernoch sein Volk. Und wahrlich, diese zerstreuten Glaubensbrüder mußten und durf-ten ihm als sein Volk gelten, solange sie nicht nur die Genossen seines Glaubenssondern auch seines Schicksals und seines Leidens waren, solange ihnen der Haßund die Verachtung der Völker in allen Landen das gleiche Loos bereitete, so-lange ihnen die Gemeinschaft und die Theilnahme an den Geschicken und an derEntwickelung der Völker allerwärts in gleicher Weise verschlossen blieb. Es ist inder That wunderbar, wie sich unter den Bekennern des Judenthums, trotz einergeographischen Zersprengung, die sonst in der Geschichte beispiellos, trotz des gänzli-chen Mangels an kirchlicher Organisation, ja an allem gegenseitigen Verkehr, trotzder verschiedenartigsten localen und nationalen Bedingungen des äußern Lebens, fastzwei Jahrtausende hindurch, nicht nur das lebenskräftigste Gefühl der Gemeinschaft,sondern auch die vollste Übereinstimmung in der gesammten Lebensgcstaltung, inSitten und Gebräuchen, im Denken und Empfinden, und selbst in der Sprache er-halten konnte, wie sie kaum bei einer örtlich und politisch eng verbundenen Nationsich durch einen gleichen Zeitraum zu erhalten pflegt. Diese wunderbare Erschei-nung ist aber auch nur dadurch erklärlich, daß die Bekenncr des Judenthums iväh-