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Zehnter Band.
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Jndenthum. 53!

rc»d dieses ungeheuern Zeitraums ebenso wenig einer innern Entwickelung wie einerEinwirkung von außen zugänglich waren, und sich mit allen ihren Glaubensbrüdcrndarin begegneten, einander überall so wiederzufinden, wie sie einander verlassen hat-ten. Die charakteristischste Erscheinung, der wir bei der Verfolgung dieser Thatsachebegegnen, ist die Erhaltung oder vielmehr Gewinnung eines allgemeinen Verständi-gungsmittels durch eine allen gleich verständliche Sprache. Diese aber war nichtetwa die hebräische, denn diese hatte zur Zeit der Zerstreuung längst aufgehörtVolkssprache zu sein, sondern die sogenannte „jüdisch-deutsche", ein höchst eigen-thümliches Gemisch von corrumpirtem Deutsch mit ebenso corrumpirtcn Elementender hebräischen, der slawischen und anderer ältern und neuern Sprachen. DieseSprache, die dem Sprachforscher durch Erhaltung alterthümlicher Wörter und For-men sowie durch eigenthümliche Laut-, Wort- und Formbildung Gelegenheit zuden interessantesten Beobachtungen bietet, kann man in der That als die allgemeineNationalsprache der Juden in den spätern Jahrhunderten des Mittelalters und denersten der neuern Zeit bezeichnen.*) Denn sie war und ist zum Theil noch heutefür die Juden Rußlands, Polens, Ungarns, Frankreichs, Englands und zum TheilItaliens und der Türkei die zweite, oder vielmehr die eigentliche Muttersprache, undfür den wandernden Juden das unfehlbare Mittel, sich überall mit seinen Glaubens-genossen zu verständigen, wohin ihn auch seine Wanderung führte.**)

Mit diesem Bilde, das wir von dem Gesammtleben des Juden in den letztenJahrhunderten des Mittelalters zu entwerfen versuchten, haben wir zugleich denculturhistorischen sowie den religiösen Standpunkt bezeichnet, den derselbe einnahm.Der Stillstand auf dem Boden einer crstorbenen Vergangenheit infolge der Ausschlie-ßung und Abschließung von dem Leben der Gegenwart ist der gleiche oder vielmehrderselbe auf dem Boden der Cultur und der Religion wie auf dem Boden des Le-bens. Mit Absicht haben wir für dieses Bild Farben und Lichter gewählt, die inder grellen Hervorhebung der Gegensätze der Wirklichkeit nicht vollkommen und nichtüberall entsprechen können. Wir wissen sehr wol, daß ein absolutes Aus- und Ab-schließen in der tausendfachen Wechselwirkung des Lebens, ein absoluter Stillstandin dem unaufhaltsamen Strom der Zeiten geradezu undenkbar ist; wir wissen, daßeinzelne Zeiten und Orte, sowie einzelne Personen diesem Gesammtbilde durchausnicht entsprechen, daß einzelne Juden jederzeit die Bildung der Zeit sich anzueignenwußten und nicht selten in die höchsten Lebenskreise emporstiegen. Aber für dasBild des Gesammtlebens der Massen, für ein Bild, in dem sich der eigenthümlicheCharakter jener Zeit und die Grundbedingung ihrer Gestaltung darstellen sollte,konnten und durften wir keine andern Farben wählen.

Culturzustand; Beschränkung und Einseitigkeit des Wissens.

Wenn wir also nach dem kulturgeschichtlichen Standpunkt der Juden in jenerZeit fragen, so werde» wir denselben als einen Mangel aller Cultur, oder doch allerEntwickelung, d. h. als den absoluten Stillstand, als die immer wieder sich erneuendeReproduktion einer alten Culturstüfe bezeichnen müssen. Die Masse, können wirsagen, war ohne alle Cultur. Sie lebte und pflanzte ohne Bewußtsein und ohnePrüfung das Leben und die Zustände fort, die ihr von ihren ältesten Vorfahrenüberkommen waren. Der allgemeine Jugenduntcrricht beschränkte sich auf ein Mi-nimum der formlosesten Unterweisung in den zur Ausübung der Religionsvorschriftcnund zu den allgemeinsten Lebensthä'tigkeiten nothwendigsten Elementen. Ein Ver-

*) Der schon im Althochdeutschen verlorengegangene Dualis des Pronomen personal«zweiter Person hat sich fast ganz, wie ihn Jakob Grimm für jene Zeit durch Conjectur ge-funden, im jüdisch-deutschen Jargon, wenn auch ohne Dualbedeutung, erhalten (er, enker,enü, enli).

**) Eine ähnliche, wenn auch minder allgemeine und minder populäre Bedeutung hatte inden frühern Jahrhunderten die arabische Sprache.

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