536 Judenthum.
mit welchem die Zeit, die seit der Kirchcnreformation des 16. Jahrhundert« vor-angegangen war, die überraschenden Resultate desselben vorbereitet hatte.
Für das Judenthum hat diese Reformation mit ihren Folgen eine hohe segens-reiche Bedeutung. Mit der Entstehung selbständiger Staaten innerhalb des deut-schen Kaiserreichs mußte die eigenthümliche Stellung der Juden als „des HeiligenRömischen Reichs besondere Kammcrkncchte" in sich selbst zusammenfallen. Esmußte ihnen von den Fürsten und Regierungen der einzelnen Staaten irgend eineStellung, also eine Art von Nechtsverhälkniß gegeben werden, da der Schutz vonKaiser und Reich ein vollkommen illusorischer geworden war. Man mußte sich mitder Judenfrage nothgedrungen beschäftigen, und der Standpunkt der fortschreitendenHumanität und Nechtsgrundsähe konnte auch bei dieser Frage nicht ganz verleugnetwerden. Wie die Entstehung selbständiger Staaten das Schicksal der Juden denFürsten näher führte, so mußte das von der Reformation begründete Bedürfnißnach Denkfreiheit und Duldsamkeit in den Völkern die Regungen der Humanitätfür dieselben wecken. Denn seit die Verächter und Hasser des Judenthums undseiner Bekenner selbst um ihres Glaubens willen geächtet und verfolgt wurden, konn-ten sie nicht fortfahren, den Juden mit Härte zu versagen, was sie für sich selbstmit Begeisterung federten — Duldung und Schonung. Aber es ist nicht zu ver-kennen, daß auch im Herzen der Juden die Regung des theilnehmenden Mitgefühle für Diejenigen erwachte, die gleich ihnen um ihres Glaubens willen verfolgtwurden. Zugleich aber lenkte die im Protestantismus hervortretende Federung undKundgebung der persönlichen Denkfreiheit ihre Aufmerksamkeit auf diese Erschei-nung in einer Weise, die auch ihnen eine Auffoderung zum Selbstdenken und zumSelbstprüfen der Autorität des Hergebrachten wurde. Diese allgemeine Sympa-thie des Judenthums für die Reformation und den Protestantismus ist eine un-zweifelhafte Thatsache. Sie beruhte vielleicht auch in dem tiefbegründcten, aber zurZeit noch unbewußten Gefühl von einer innern Annäherung zwischen Christenthumund Judenthum, die sich durch das Princip der Reformation anzubahnen schien.
In dieser Weise wirkte die Reformation und mit ihr der gesammte Geistes-apparat der hervorbrechenden neuen Zeit auf die Juden und auf ihre Stellung zurZeit und zu ihren christlichen Mitbürgern, und so bereitete sich langsam aber sicherder Moment vor, in welchem Männer wie Friedrich ll. und Mendelssohn endlichmit vollem Bewußtsein und mit überzeugender Kraft für die Nicderreißung derScheidewand auftraten, die den Juden seit einem Jahrtausend von seinem Vater-lande und von seiner religiösen Aufgabe getrennt hielt.
Portugiesische Juden.
Als Friedrich der Große den Thron bestieg und Mendelssohn in der Residenzdesselben seine Wirksamkeit begann, bildete Berlin gewissermaßen den Grenzpunkt derbeiden Theile Europas, von denen der östliche uns die Juden noch in derjenigenStellung und auf derjenigen Culturstufc zeigt, die wir soeben dargestellt haben, derwestliche schon sichtbare Spuren der Umgestaltung offenbart, der ihre äußern undinnern Verhältnisse entgegengehen. Im südwestlichen Frankreich, in Mittelitalienund ganz besonders in der holländischen Republik nahmen die zahlreich eingewauder-ten sogenannten „portugiesischen Juden" eine unvergleichlich höhere Stellung ein alsdie Juden Deutschlands, Polens, Rußlands und der Donauländer. Hohe und all-gemeine Bildung brachten sie als Erbkheil der spanisch-maurischen Blütezeit in ihreneuen Wohnsitze; ihre großartige und meist überseeische Geschäftsthätigkeil verschafftenicht nur ihnen selbst ansehnliche Reichthümer, sondern auch den Staaten, die sieaufnahmen, unverkennbare Vortheile. Ais Sprach- und Naturforscher, als Arzteund Philosophen ausgezeichnete Männer traten unter ihnen hervor und veröffent-lichten ihre Werke in spanischer, italienischer, holländischer und lateinischer Sprache.Alles dies nöthigte ihren christlichen Zeitgenossen eine Achtung ab, die mit jenerstarren Ausschließung nicht mehr verträglich war. Diese achtbare und einflußreiche