Indeirthum. 549
Jsaak Euchcl; David Fricdländer.
Unter denjenigen Männern, deren Leben und Wirken in direcler Beziehungmit Mendelssohn und seinen Bestrebungen stand, nennen wir Jsaak Euchel undDavid Fricdländer. Beide waren in Königsberg geboren, erst in den spätern Lebens-jahren Mendelssohn's nach Berlin gekommen und bereits durch ihre Jugcndbildungin die Sphäre der neuern Cultur eingeführt: der Erstere durch eine regelmäßigeGymnasial- und Universitätscarriere ordnungsgemäßer, der Letztere durch allseitiges undkiefeingehendes Selbststudium reicher zu einer öffentlichen Wirksamkeit vorbereitet. Amunverkennbarsten war der Einfluß dieser wahrhaft human gebildeten Männer aufihre nächste Umgebung, auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Zustände innerhalbder jüdischen Gemeinde Berlins und der immer reicher und inniger werdenden Be-ziehungen zu dem gebildeten Theil ihrer christlichen Mitbürger. Die hervorragendeStellung, die es ihnen gelang in der gebildeten Welt Berlins für ihre Personeneinzunehmen und für ihre Häuser als Sammelpunkte der ausgezeichnetsten Geisterzu gewinnen, trug nach beiden Seiten hin dazu bei, in dem gesellschaftlichen Lebender Juden und in ihren Beziehungen nach außen eine tief eingreifende Umgestal-tung hervorzurufen. In der That erhob sich ein ansehnlicher Theil der jüdischenBevölkerung Berlins auf eine hohe Stufe, nicht nur einer allgemeinen wissenschaft-lichen und Weltbildung, sondern es wuchs auch mehr und mehr die Zahl der Män-ner, die als gelehrte Forscher nnd hervorragende Geister sich eines wohlverdientenNufs und allgemeiner Hochachtung erfreuten. Wir nennen unter diesen, wenn auchnicht Alle schon, damals glänzten, die Philosophen Salomon Maimon und LazaruSBendavid, die Ärzte nnd Naturforscher I)r. Bloch, Hofrath Herz, den MathematikerKastei und den Hofmedailleur und Akademiker Abrahamson. Als Pröduct undZeugniß dieses allgemein sich verbreitenden Strcbens nach Sclbstemancipation inner-halb der bürgerlichen Gesellschaft erwähne» wir hier auch der im Jahre 1792 er-folgten Gründung der „Gesellschaft der Freunde", die sich neben gewissen Wohl-thätigkeitszwecken die Beseitigung socialer Misbräuche und Misständc unter ihrenGlaubensgenossen nnd die Herstellung eines engern und geordneten geselligen Ver-bandes auf Grundlage einer zeitgemäßen allgemeinen Bildung zur Aufgabe machte.Der Erfolg dieser Gesellschaft ist ein sehr bedeutender gewesen, und verdient darumwol einen Platz in unserer Darstellung.
Neben dieser Wirksamkeit auf den nächsten Kreis setzten jene beiden Männerfür weitere Kreise das Werk Mendelssohn's fort durch deutsche Übersetzungen undErläuterungen der biblischen Bücher und der jüdischen Gebete, welche letzter» wie-der den Rabbinern zu heftigen aber erfolglosen Angriffen Gelegenheit gaben. Aberauch im Geiste Wessely's wirkten sie durch einzelne hebräische Aufsähe wissenschaft-lichen und allgemeinen kulturhistorischen Inhalts auf die geistige Erweckung undAnregung ihrer fernern Glaubensbrüder in den slawischen Ländern. Eine merkwür-dige nna bedeutungsvolle Erscheinung auf diesem Gebiet ist die Herausgabe der erstenfür Juden bestimmten und von Juden bearbeiteten Zeitschrift „Der Sammler", dieseit dem Jahre 1733 in hebräischer Sprache zu Königsberg an der Grenze dieserSlawenländer erschien. Es enthielt dieselbe Aufsähe des verschiedensten Inhalts zurallgemeinen Belehrung und Anregung; und außer zahlreichen gebildeten Juden Kö-nigsbergs gehörten die strebenden und bildungfördcrnden Männer der verschiedenstenStädte und Länder zu ihren Mitarbeitern. Sie wurde bis zum Jahr 1781 fort-geführt, um später bedeutendem Unternehmungen der Art Platz zu machen. VonEuchel, der schon 1801 starb, erwähnen wir noch eines niemals in Druck erschie-nenen, aber im Manuskript weit verbreiteten humoristisch-satirischen Dramas, nichtwegen seines Kunstwerths, sondern wegen seines Inhalts, da derselbe mit scharfemSpott das Unwesen der starren Orthodoxie, die Unsittlichkcit der heuchlerischen Werk-heiligkeit und die Lächerlichkeit der christelnden Halbbildung unter den Jude» geißelt,und somit uns ein lebendiges Bild jener Zeit wie des beginnenden ernsten Kampfesgegen die Mangel und Übel derselbe» vorführt. Von Fricdländer aber haben wir