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Judenthum.
Leben und zur bürgerlichen Gesellschaft in ganz Europa und insbesondere in Deutsch»,land vor sich ging, war keineswegs nur das Product der fortschreitenden Bildung'und Gcistcscrhebuiig unter den Juden, sondern ebenso sehr der großen allgemeinenZeitereignisse. Denn vor den gewaltigen Erschütterungen derselbe» stürzte» alle hohlenund unnatürlichen Scheidewände von selbst zusammen, weil Alle in gleicher Weisevon denselben ergriffen, in gleicher Weise gehoben oder niedergeworfen wurden.Die unverkennbare und unleugbare Gemeinschaft großer Schicksale wurde zum Ver-künder und Besieger der traurigen Verirrung, mit der man sich in gegenseitigerVerkennung voneinander abgeschlossen hatte. Und wenn in Frankreich der gemein»same Freihcitsrausch und der gemeinsame Ruhm in dem allgemeinen Gefühl desnationalen Stolzes jeden Unterschied des Glaubens vergessen ließ, so war es inDeutschland noch mehr das gemeinsame Weh und die gemeinsame Erniedrigung derNation, mit der sich das Gefühl der vaterländischen Gemeinschaft über die Gewohn-heit der religiösen Sonderung erhob. Denn gerade der Jude hatte ja gelernt, in der Ge-meinschaft des Leidens das festeste Band der Einheit mit seinen Brudern zu sinken;und jetzt zum ersten mal fühlte er sein Gemüth von einem Leid erschüttert, das ernicht mit seinen jüdischen Glaubensgenossen, sondern mit seinen deutschen Mitbür-gern theilte. Jetzt zum ersten mal fühlte er sein Denken und Empfinden an daSSchicksal eines Gemeinwohls gekettet, das nicht das seiner Glaubensgemeinschaft,sondern seines Vaterlandes war. Er fühlte des Vaterlandes Unglück als das seinige,des Vaterlandes Schmach und des Vaterlandes Knechtschaft als die seine. Er hattein diesem Mitgefühl des Leides sei» Vaterland gefunden, und dieses in sich undfür sich festzuhalten war jetzt die Aufgabe seines Lebens. Und was der Jude mitdieser Tiefe des Empfindens als sein eigen fühlte, mit dieser Energie des Wollen-als sein eigen erfaßte, konnte und mochte ihm der Christ nicht versagen, der indem Schmerz der Unterdrückung gelernt halte für die Unterdrückten fühlen. DieAusnahme und der Eintritt des Juden in den Verband der bürgerlichen Gesellschaftwar bereits thatsächlich erfolgt, als das Gesetz dieselbe verkündete und gewissermaßennur Act von der geschichtlich vollendeten Thatsache nahm.
Der Befreiungskampf von 1813 und das Blut der jüdischen Jünglinge, diefreudig für Deutschlands Befreiung in den Tod gingen, hat vor dem Richterstuhlder Weltgeschichte den Bund feierlich und unauflöslich besiegelt, den das Judenthum mitseinem neuen Vaterlande geschlossen; und der Boden, auf dem dies Blut, geflossenist, und der von den Wehmuthsthränen selbst der altgläubigsten jüdischen Ältern be-netzt ward, die ihre Kinder dem Heldentod fürs Vaterland weihten — dieser Bo-den wird nimmer ungestraft diese seine neugewonnenen Kinder verleugnen. Derdeutsche Jude ist seit jenen Tagen ein Deutscher, möge ihn das Landesgesetz alssolchen anerkennen oder nicht.
Was der Freiheitskampf errungen, sollte der Wiener Congreß sicherstellen, ord-nen und in gesetzliche Formen bringe», für die gesanimtc deutsche Nation wie fürderen Angehörige jüdischen Glaubens. Die gerechte und wohlbegründete HoffnungBeider ist, wie man weiß, nicht erfüllt worden. Trotz der wohlmeinenden Äbsich-ten Hardenbcrg's, der öffentlich und ausdrücklich erklärte: „die Bewilligung der vol-len Bürgerrechte an seine jüdischen Einwohner müsse die ernste Absicht des gcsamm-ten Deutschlands sein, und die Sache des Christenthums könne dadurch nur ge-winnen, daß die schwere Schuld vieljähriger, zum Theil grausamer Unduldsamkeitauf dem gerechtesten Wege gelöst werde", und trotz der übereinstimmenden und ern-sten Bemühungen Metternich's erzielte man auf dem Congreß für die Juden dochnichts weiter als den bekannte» §. 16, der die definitive Bcschlußnahme dem Bun-destage anheimstellte und ihnen neben der Aussicht auf den Genuß der bürgerlichenRechte gegen die Übernahme aller Bürgerpflichten nur noch die Erhaltung der ihnenin den einzelnen Bundesstaaten bereits eingeräumten Rechte zusicherte. Es ist be-kannt, daß die Verwirklichung jener Aussicht durch den Bundestag niemals erfolgte,
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