566 Zudenthum.
traten mit mehr Anspruch auf die öffentliche Aufmerksamkeit die ersten, wenn auchnicht immer glücklichen Versuche hervor, diesem Geiste der Nationalität und der Zeit-cultur auch im Gottesdienst und in andern religiösen Institutionen des JudenthumsGeltung zu verschaffen. Von außerordentlicher Wichtigkeit für die Würdigung dieserEpoche und ihrer Bedeutung ist die Thatsache, daß diese gesammte Wirksamkeit dasProduct einer freien, durch keine Organisation zusammengehaltenen, durch keineStaats- und Kirchengewalt in Bewegung gesetzten und geleiteten Thätigkeit war.Als solche ist sie ein selbstrcdendes Zeugniß von einer unmittelbar in der Gesammt-heit wurzelnden und aus derselben herauswachsenden freien Entwickelung, von einerSelbstemancipation, mit welcher das jüdische Laienthum nicht nur den Zwang alterVorurtheile und Unsitten, sondern auch die Bevormundung seines Rabbincnthumsvon sich schüttelte, und endlich von dem Wicdererwachen eines kräftigen und frucht-baren Gemeingeistes, der gerade seit dem Eintritt der neuen Bildungsepoche im Sin-ken und Erlöschen begriffen schien.
Die Thätigkeit für Verbesserung des Schulwesens in dem bezeichneten Sinnewar eine weitverbreitete. Elementarschulen entstanden fast in allen Gegenden undLändern Deutschlands. Neben den bereits mehrfach genannten wirkten Männerwie Frankel, Ehrenberg, Heß, Johlson, Weil, Kley, Haindorf und die noch im-mer in dieser Richtung eifervoll thätigen Greise Friebländer und .Bendavid durch ihrVorbild und ihre Anleitung auch auf weitere Kreise. Im Östreichischen gingendie außerdeutschen Provinzen mit einem ehrenvollen und wirksamen Beispiel voranund die Schulen, die in Arad durch die unermüdlichen Bemühungen des reforma-torischen Rabbiners Aron Chorin und in Tarnopol durch den gleich ruhmwürdigenPrivatmann Joseph Perl ins Leben gerufen wurden, sind zu wahrhaften Pflanzstät-te» einer neuen lebenskräftigen Cultur in Ungarn und Galizicn geworden, währendim östreichischen Italien, neben der Rabbinerschule in Padua, als dem Hauptaus-gangspunkt einer Hähern Entwickelung unter den Juden Italiens, noch manche blü-hende Lehranstalt in Thätigkeit war.
Für den Religionsunterricht in diesen Anstalten sowie auch zur Privatunter-weisung waren bereits ansprechende und kurzgefaßte Lehrbücher von Peter Beer,Herz Homburg, Salomon Cohcn, Kley und besonders von Johlson in weiten Krei-sen verbreitet. Wenn es ein anerkennenswerthes Verdienst derselben war, an dieStelle des frühern wüsten Hineinsteigens der Jugend in die uralten Quellen derReligion, das zu keinem eigentlichen Wissen über das religiöse Wesen des Ju-denthums führte, eine concise und faßliche Darstellung der jüdischen Neligionslehrc»zu geben, so ist doch auch nicht zu verkennen, daß sie durch Nachahmung christlicherVorbilder, insbesondere der gangbaren Katechismen, in Gefahr waren, ein dem Ju-denthum ganz fremdes Formcnwescn von Glaubens- und Dogmenformeln einzufüh-ren, und andererseits das specifische Judenthum in Gestalt einer allgemeinen Sikten-lehre aufgehen zu lassen. Jedenfalls aber war die Einführung eines methodischenReligionsunterrichts ein unverkennbarer Gewinn für die Hebung und Läuterung desreligiösen Bewußtseins, und die mehr und mehr üblich werdende Konfirmation, wennauch wiederum zu wenig vom christlichen Vorbilde emancipirt, wurde zu einer kräf-tigen Stütze des Gemüths in Bewahrung der Treue für den väterlichen Glauben.Neben diesen religiösen Lehrbüchern erschienen auch bereits Erbauungsschriften nachchristlichen Vorbildern von Kley, Günsburg, Salomon; und zur Einübung religiöserChoralgesLnge, die mit den Erbauungsstunden in diesen Schulen verbunden waren,wurde der anregende und bildende Unterricht im Gesänge i» das jüdische Schulwe-sen eingeführt.
Für die Fortführung des Jugcnduntcrrichts zu den Stufen einer höher» jüdi-schen Wissenschaft begann ebenfalls schon eine Wirksamkeit von verschiedenen Seiten.DaS Rabbinenscminar in Padua ward durch Ghirondi, de la Torre und Luzzatozur Pflanzschule eines echt wissenschaftlichen und ästhetischen Nabbinismus. DieNabbinenschule in Fürth gewann auf Anordnung der dänischen Regierung eine wis-