Band 
Zehnter Band.
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75,8 Östreich.

bar. Der Vorwurf republikanischer Tendenzen war so sehr aus der Luft gegriffenund jeder auch der geringsten Begründung bar, die Zusammenstellung des Reichstag-mit den Mördern Latour'S so absichtlich herbeigezogen, daß selbst die Befangenen denGedanken nicht fernhalte» konnten, wie man nur einen Anlaß suche, um dem Reichs-tage und seiner Aufgabe das Ende zu bereiten. Groß war die Verlegenheit desCentrums, welches bis dahin im guten Glauben auf die liberale» Gesinnungen des ^Cabincts gewandelt, während die Linke, die schon früher vor dem eigenen Schatten er-schrak, i» der Stille Vorsichtsmaßregeln zu treffen begann und die Flucht im Falleder Noth vorbereitete. Die größte Entrüstung aber, ein unbeschreiblicher Zorn herrschte !in, den Reihen der Rechten. Sie hatte durch ihren monarchischen Eifer zu Wie»den Haß der demokratischen Bevölkerung auf sich geladen, durch ihre Sympathienfür das Ministerium theilweise das Vertrauen des eigenen Stammes verscherzt, zuGunsten des erstem eine Entsagung geübt, wie sie in der politischen Welt beispiel-los war. Die parlamentarische Macht, welche das Ministerium besaß, war zumeistdurch die slawische Rechte gegründet worden; und nun mußte sich diese Rechte vondem ehemaligen Schützlinge so arg beschuldigt, ja wegwerfend behandelt sehen, ohnedie Mittel der Vergeltung mehr zu besitzen. Den» im blinden Vertrauen auf dieErkenntlichkeit der Minister hatten sie sich freiwillig alles unmittelbaren Einflussesberaubt, diese zu keiner bestimmten Handlungsweise verpflichtet. Ihre Dienste warennun ganz entbehrlich geworden, aber gleichzeitig auch die Gelegenheit, eine selbstän-dige Geltung zu erringen, verloren gegangen. Die stolzen Czeche», die sich noch vorwenigen Monaten im Angesicht des Reichstags rühmten: „nur solange wir wollen", ^besteht Östreich, fanden sich zu einer blos geduldeten Partei herabgesetzt. Ein letzter !Versuch, das Ministerium die Macht der Rechten fühlen zu lassen, wurde infolgeder Ministererklärung am Jan. beschlossen. Der Ausgang dieses Versuchs konnte !den Muth nicht heben, sondern zeigte die Machtstellung vollkommen geändert. ^

Nachdem Stadion die Tribüne verlassen hatte und die Versammlung von ihrerBetäubung erwacht war, wurde auf Szabel's (linkes Centrum) Antrag die Be-rathung der Grundrechte vertagt, bis der Reichstag sich über den Inhalt und dieBedeutung der Ministererklärung näher unterrichtet habe: die Sitzungen selbst wur-den erst nach vier Tagen wiederaufgenommen. Unterdessen waren alle Parteienund Clubs, der slawische obenan, thätig; Maßregeln gegen den bedrängenden Mi-nisterialeinfluß, der selbst die stillschweigende Anerkennung eines theoretischen Satzesnicht dulden wollte, zu ergreifen. Zu einem schroffen Auftreten riechen Vie^ Ver-.hältnisse nicht: es blieb viel wahrscheinlicher, im Falle man den Kampf zum Äußer-sten trieb, daß das Ministerium den Reichstag auflösen, als daß es einem tadelndenVotum welchen werde. Die Initiative wurde aus diesem Grunde nicht von der Lin-ken, sondern von der mehr loyalen Rechten ergriffen und alle Künste der Überredungaufgeboten, auch das Centrum zum Vcitritte zu einem Antrage zu bewegen, welchernur die Form der Ministerialerklärung- verdammte, ohne sich über den Grundsatzder Volkssouveräneta't sachlich auszusprechen. Auch hatte es einige Stunden den An-schein, als ob eine einstimmige Antwort auf die Erklärung des Cabincts erfolgenwerde. Der Abgeordnete PinkaS, welchem der slawische Club die Durchführung derganzen Sache übertragen hatte, gewann durch seine gewandte und beredte Darstel-lung nicht allein zahlreiche conscrvative Dcputirte persönlich für den Anschluß, son-dern erhielt noch überdies das förmliche Versprechen, der Club des Centrum- werdeals Körperschaft in diesem Falle dem slawischen beitreten. Erst in der letzten Stundegelang es dem gewöhnlichen Führer des Centrums, K. Mayer, seine Partei umzu-stimmen und wenigstens die Fralernisirung der Clubs zu hintertreiben. Er wiesauf den verdächtigenden Umstand hin, daß die Linke und die Polen mit der Rech-ten gemeinsame Sache machten, erklärte die Letzter» von ihren eigenen Grundsätzenabtrünnig und zeigte in der Ferne die Möglichkeit von Gewaltschrittcn des Ministe-riums, wenn man diesem mit imposanten Machtstellungen entgegenzutreten wage.Mayer's Agitation für die Regierung sprengte den Club des Centrums: zahlreiche