150 Das Königreich beider Sicilien.
zielte Absonderung bewirken, wie sie in keinem Lande Italiens in ähnlicher Weiseund so hartnäckig sich erhalten hat.
Hier erhebt sich nun in dem heutigen Calabrien ein zweite- rauhes und un-wegsames Bergland, welches den Charakter der Abruzzcn im südlichen Untcritalienwiederholt, doch unter einer heißen, und mehr energischen Zone. Seil uralter Zeit bisauf den heutigen Tag ist das Land Wohnsitz der wildesten und kräftigsten Völker Süd-italiens, im Alterthum der räuberischen Lucaner und Vruttier, heute der Calabrescn,die in »och höher», Maße als das Volk der Abruzzcn durch Uncultur, Tapferkeit,Gastfreiheit, leidenschaftliche Freiheitsliebe und Hang zur Anarchie sich auszeichnen.Hier wie dort haben in neuern Zeiten die revolutionären Elemente der neapolitanischenGesellschaft ihren Herd aufgeschlagen, und zugleich ist Calabrien, wo sich der größteForst Italiens, der prächtige Silawald hinzieht, der unbezwingliche Sitz des Ban-ditenwesens.
Weiterhin bilden nur die Apenninen, von, Monte dclla Spina nahe a» daswestliche Meer streifend, einen hufeisenförmigen Bogen, dessen äußerste Spitzen dasCap Spartivcnto und das Cap Santa-Maria di Lcuca sind. Zwischen beiden öff-net sich der große Meerbusen von Tarent, umsäumt von einer mäßigen Ebene, sodaßsich der Charakter Cawpaniens hier zu wiederholen scheint, ein McereSbecken näm-lich, welches zur Colonisatiou einladet. Zur Zeit GroßgriechenlandS war hier auchder Sitz der höchsten Cultur Unteritaliens. Hier bedeckten üppige Pflanzstädte derGriechen die herrlichen Gestade, von Tarentum westwärts, über den Fluß Bradauushinaus: Metapontum, Heraclea, Snbaris, Thurii und Croton. Aber heute ist diese,prächtige Halbcirkel, das schönste Meeresbecken der Welt neben den, Krater vonNeapel, welches sich gegen Griechenland und Afrika öffnet, ein Landgebiet von er-staunlicher Fruchtbarkeit und von einem paradiesischen Klima, eine große Einöde.AuS dem wuchernden Gewirre der Schlinggewächse, mit Gebüsche» und Mastixbäu-mcn, ragen dort die Ruine» alter Tempel, die selten von Fremde» besucht werde».Fuorusciti, politische Flüchtige so vieler Revolutionen, streife» hier umher, von denGendarmen gejagt, und kaum erblickt man hier und da die ärmliche Wohnung einesFischers oder-Hirten. Außer Tarent (Taranlv) findet man auf den, ungeheuern User-bogen keine Örter, und jene Stadt selbst, welche zur Zeit des Archykas 500000 Ein-wohner zählte, hat heute kaum 18000. Die Blüte von Neapel und Mcssina, welchenun den orientalischen Handel betreiben, hat Tarent erdrückt, und der Mangel anBcrbindungsstraßen mit den, Innern läßt es nicht einmal als Stapelplatz der Ba-silicata, der Terra d'Otranto und der Terra di Bari aufkommen. Aber ohne Zwei-fel hat diese Stadt noch eine Zukunft, wenn das Königreich beider Sicilien die sei-ner Lage naturgemäße Beziehung zu Afrika wieder wird aufgenommen haben.
Dagegen zeigt die Ostküste des neapolitanischen Festlandes nicht dieselbe Ver-ödung. Denn von, Tronko ab bis zum Cap Santa-Maria di Lcuca finden sichmehre beträchtliche Städte, wie Trani, Bari, Barletta, Brindisi, der einst so wich-tige Uberfahrlsort nach dem Orient, und Otranto. Diese Seite war im Alterthumdurch Republiken minder blühend, weil hier das Meer keine Golfe bildet, außer demkleinen von Manfredonia (Sipontum) unterhalb des Garganischcn BergcS, währenddie westliche Seite der Reihe nach die schönsten Mccrcsbecken enthält, den Golfvon Gaeca, von Bajä, von Neapel, die Bai von Salerno, die von Policastro undvon San-Eufemia.
Nach dieser Überstehe ergibt sich also, daß die Cultur des neapolitanischen Fest-landes in, höchsten Grade ohne inneres Verhältniß ist. DaS Zahlcnvcrhältniß zwi-schen Neapel und Bari, das heißt einer Stadt von 440000 Einwohnern und einervon 53000 Einwohnern, ist zugleich charakteristisch als Culturverhältniß der Landes-theile überhaupt; denn Bari ist die größte Stadt nach Neapel. Auf sie folgen, als dieansehnlichsten Städte, jene an der adriatischen Seite, nämlich Foggia, die Hauptstadtder Capitanata, mit 27000 Einwohnern, Barletta mit 25000; in Calabrien ha'Rcggio 21000 Einwohner, in den Abruzzcn Aquila nur 15000, im Innern Cosenza