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Eilfter Band.
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393
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Die englische Literatur. 393

das alte mittelalterliche Novellenbuch, welches uns unter dem Namen der „Costakom-inorum" vorliegt, zeigt uns in seinen moralischen Überschriften schon, daß auchin der buntesten Willkür, in dem scheinbar blos Zufälligen doch immer ein lei-tender Gedanke herrsche, sollte er auch nur äußerlich, in Form einer moralischen Nutz-anwendung vorn aufgeklebt erscheinen. Fast schon entwickelt und die Haupteigen-thümlichkeiten des neuern Romans in Umrissen in sich enthaltend, tritt uns da-Romangenre in der Erzählung von dem Fürsten Apollonius vomTyrus entgegen,welche Shakspeare unter dem Titel „Perikles" nicht umsonst dramatisch eingerahmthat. Die weiche und zugleich romantisch-abenteuernde Natur des Perikles, mitwelchem die Mächte einer feindlichen Welt wie die Meereswogen Fangball zu spie-len scheinen; das bunte Zufallsspiel, dessen er nicht Herr werden kann, und dochin dem losen Zusammenhange der Begebenheiten eine ethische Idee: in diesen Ele-menten tritt uns schon etwas, was an den modernen Roman gemahnt, entgegen.Es ist die Aufgabe der Ästhetik, weiter auszuführen, wie denn doch wieder Schicksalund Helden sich in dem Romane ganz und gar anders gestalten, als dies in demDrama der Fall ist.

Wir gingen von dem Satze aus, daß in dem Romane das Schicksal, d. h.die objective Welt, dem Charakter des Helden wesentlich als etwas Fremdes, Zu-fälliges gegennbertreten, das Fatum mithin in der Romanwelt sich vorwiegend alsAbenteuer bestimmen müsse. Das eigentliche Land der Abenteuer in dem neuernEuropa ist aber jene Insel im Ocean, welche durch die Wander- und Kriegslustder Stämme des nordischen Europa Bevölkerung und Cultur erhielt — ist Eng-land. Abenteuernd in der Handelsspeculation, abenteuernd und waghalsig auf derSee, immer geneigt den launenhaften Wogen, der fremden Erde, dem wechselvollenPapiere ihr Geschick anzuvertrauen, abenteuerlich in der Politik — so sind dieseEngländer eigentlich von altersher gewesen. Wie lose, wie fast so ganz indifferenterscheint hier noch die Beziehung des Staalsganzen zu dem Individuum. DieGeistvollsten und Bedeutendsten unter ihnen sind gewöhnlich mit den objectiven Le-bensmächtcn brouillirt. In diesem Lande, in diesen Zuständen mußte das Literatur-genre, welches wir mit dem Namen „Roman" bezeichnen, unstreitig einen ergiebi-gen Boden finden.

Und so ist denn auch seit Defoe und Richardson, seit Fielding und Smollet,.seit den Damen d'Arblay und Edgeworth der englische Roman eine Hauptprovinznicht allein der englischen, nein, der ganzen europäischen Literatur gewesen. DieEngländer, obgleich in vielen ihrer socialen Einrichtungen so sehr hinter den Natio-nen des Comments zurückgeblieben, sind, diesen Ruhm werden wir ihnen wol gönnenMüssen, in Hinsicht auf Politik und Öffentlichkeit, Industrie und Literatur das eigent-liche peupls üütüiteur in Europa gewesen. Auf ihrer frostigen Nebelinsel im Oceanbleichen sie einem vorgeschobenen Posten der Cultur und Civilisation. Sie erobern nichtrasch und stürmisch wie die Franzosen; aber ihr Beispiel wirkt sicher und nachhaltig.

So haben sie auch in der neuern Literatur, und namentlich durch ihren Roman,europäischen Literatur für eine Weile Ziel und Richtung gewiesen, und die deutschemteratur wird wohl daran thun/ diese Richtung ins Auge zu fassen. Woran sollenäür aber den neuen Literatur-Messias erkennen? Kommt er niit Hifthörnern und^hgelklängen, aus den gothischen Bogenhallen des Mittelalters oder von den Wald-^iescn des alten Parnasses ? Führt er die Panspseife oder trägt er Helm und Pickel-haube? Kommt er mit Ncuromantik, mondscheinsüchtig, thränenselig, oder mit clas-llschen Reminiscenzen? Ist Epos, oder Lyrik, oder Drama das Wahre? Sollen wir"schüttern oder lachen machen? . .

Müßige Fragen! „Unentwegt" marschirt die Cultur, während wir daheimfitzen,"siectiren und Kritiken schreiben, weiter, ihre eigenen Ziele verfolgend, und der Kri-der Culturgeschichtschreiber haben nichts zu thun, als von ihren Zügen Kennt-i« nehmen und ihren Willen zu studiren. Sonst saust die Locomotive weiter, und^ haben das Zusehen oder werden auf die Schienen geworfen.