Deutschland. 471
Denen ausgegangen, welchen man das Scheitern der Neichsverfassung in erster Liniezuschrieb, niemals gewinne» konnte! Man mochte über die Rechtsfrage, ob diePaulskirche „einzig und allein" zu entscheiden gehabt oder sich mit den Fürstenhätte vereinbaren sollen, ganz anderer Ansiche sein, als es die große Mehrheit deSParlaments war: vom Standpunkte praktischer Ausführbarkeit schien es doch immer>m höchsten Grade zweifelhaft, ob sich die Menge der überdies so verschieden gear-teten Regierungen jemals friedlich über eine Verfassung vereinbaren würde, die ihrerSondcrherrlichkeit immerhin ungewohnte Opfer auferlegte. War doch schon der Ab-schluß des Bundes ein deutlicher Fingerzeig, wie weit die preußische Politik auf die-ser Bahn kommen würde. Von den vier „größer»" deutschen Staaten, deren Ver-treter Preußen un Mai zu Berlin versammelt, waren zwei gleich anfangs zurückge-treten; zwei andere hakte mit Widerstreben sich zu einem Bunde bestimmen lasse»und mit'Vorbehalten und Verwahrungen, die augenscheinlich sehr bald das ganzeWerk vom 2V. Mai illusorisch machen mußten. Denn wenn man die Erklärungen'«s, womit Sachsen nnd Hannover ihren Beitritt erläutert, so erhielt man den Ein-bruck, daß für den Zweck der Verfassung Preußen im Grunde allein stehe. Wenig-stens war die Verbindlichkeit seiner beiden Alliirten locker genug, um in dem Wider-stände Ostreichs oder der Weigerung Baierns den genügenden Anlaß zum offenenRücktritt zu finden.
Wol ließ sich nicht verkennen, daß Preußens Machtstellung in diesem Augen-blicke bedeutend genug, um über manche Schwierigkeit der Form durch den Druckder Thatsachen rascher hinwegzukommen — vorausgesetzt freilich, daß Preußen selbsternstlich entschlossen wäre, seine ganze Kraft an die Durchführung zu setzen. Alleingerade hier lagen die bedenklichsten Gefahren für den neuen Bundesstaat. Der Ur-heber dieses Vcreinbarungsversuchs, durch den in der Form das Neckt der Fürstengewahre erschien, in der Sache aber die Ideen der frankfurter Versammlung zurGeltung kommen sollten, war General von Radowitz, und mit Recht hielt auch dieöffentliche Meinung diesen Mann überall für den verantwortlichen Träger der neuenBundesstaatspoliiik. Man mochte allenfalls darüber hinwegsehen, daß Radowitz nachkemcr Leur hin Popularität genoß und, in mancher Hinsicht unverdient, fast überalltiefem Mistrauen begegnete: bedenklicher war es aber schon, daß der geistreiche nnduniversell gebildete Mann auch von seinen Bewunderern mehr als ein phantastischerRomantiker, denn als ein durch Klarheit und Stetigkeit ausgezeichneter Staatsmanngepriesen ward. Um eine so verwickelte Aufgabe durchzuführen, bedurfte es jedoch">cht nur dieser politischen Eigenschaften im höchsten Maße, sonder» einer persön-"chen Machtstellung, wie sie Radowitz in Preußen nicht besaß. Mit seinen frühernAbsolutistischen und reartionaren Freunden gründlich zerfallen, und doch durch einen^rtrauensvoUen Anschluß der entgegengesetzten Partei nicht entschädigt, von VielenFremdling angesehen und beneidet, ohne natürliche Wurzel in den vorhandenen^ütischcn Parteien Preußens, ward er wesentlich nur durch Eines in seiner vielfach^'gefochtencn Stellung gehalten: durch die persönliche Freundschaft des Königs.
6 gab viele Berührungspunkte zwischen beiden Persönlichkeiten, daß dies Verhältniß^hr den Charakter inniger Hingebung trug, als eö sonst in diesen Kreisen der Fallsein pflegt. Auch in den deutschen Angelegenheiten hatten der König lind RadowitzHon seit lange einen übereinstimmenden Weg verfolgt. Schon in den Jahren vor^ Revolution von 1848 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Unvollkommene der altenUndesperfassung erkannt und Östreich, aber fruchtlos, für eine BundesreformWuregen versucht, die freilich nicht so weit greifen sollte, wie es jetzt der >» den^ bundiimrn entworfene parlamentarische Bundesstaat that. Es ließ sich wol denken,Radowitz unter dem Einflüsse der frankfurter Eindrücke ein aufrichtiger Bekcn-sei^ constitutionelle» Anschauungen der dortigen Majorität geworden; aber von^ "Em königlichen Freunde war dies schon zweifelhafter. Der König ward vielleichts Er de„ obwaltenden Umständen von dem geistvollen und beredten Nalhgeber gleich,sbrtgrrissen: doch wer konnte darum denken, daß er seine, dem parlamentarischen