558 Die Literatur Frankreichs.
meiner und absoluter Wahrheit in ibre Stucke hineinzubringen gewußt. In Frank-reich ist die höhere Komödie imnicr auf Darstellung typischer Gestalten und allge-meiner Muster- oder Classcncharakterc ausgegangen. Diese abstrahirende und gene-ralisirende Seite der französischen Dramatik verkündige» schon die bloßen Titel dernamhaftesten classischen Lustspiele: ,, l.e mis.-nilliro,«;", „l.'av.-m«.-", „lw glorwux",„1.6 joneur", „ 1,0 inealnnU In diesen Figuren ist der jedesmalige Humor ganzzur dauerhaften Gestalt, zur Person und eingefleischten Physiognomie geworden, wes-halb er gar nicht als Humor des Dichters (was er gleichwol auch sein muß) er-scheint, sondern als Charakter- und Musterspicgcl. Es sind objectiv unfehlbare Leute,welchen man z- B. nicht sowol, daß sie den Menschenhaß, den Geiz, die Prahlerei,das Spiel, die Bosheit in einer besondern Weise treiben, sondern vielmehr Das an-sieht, daß sie vor allen Dingen Menschenfeinde, Geizhälse, Prahler, Spieler, Böse-wichte von Profession und Constitution ohne eigenthümlichen Geschmack sind. DerDichter hat es dabei lediglich auf den moralischen Menschen abgesehen. Allerdingsverwebt er seinen komischen Helden in eine dramatische Fabel, die aber dem Cha-rakter untergeordnet ist und diesen hervorheben und von verschiedenen Seiten veran-schaulichen soll. Der Mensch wird nicht von Dem, was um ihn herum vorgeht, fort-gerissen; die Vorgänge drehen sich im Gegentheil um die Person, und sind nicht derGegenstand selbst, sondern blos Nebensache. Beaumarchais veränderte zuerst einiger-maßen dieses dramatische System, und wenn er auch dem Charakter das Übergewichtüber das Factum ließ, so räumte er diesem letzter» doch einen größer« Platz ein-Immer aber blieb die dramatische Poesie in Frankreich kategorienweise geordnet. DasTragische und Komische waren streng geschieden, sodaß sie nicht ineinander übergrif-fen. In neuerer Zeit ist die Tragödie und Komödie dem Drama gewichen, welchesjene beiden Gattungen vermengt und in Eine dramatische Form verschmolzen hat, diein jeder Beziehung der alten Theorie und Praxis entgegengesetzt ist.
Während die Tragödie und, soweit es anging, auch die Komödie allgemeinereund den Menschen in mehr typischer, genetischer Form ausgeprägt tragende Gestal-ten, diese aber bis in das geringste Detail der Gesinnung und Empfindung ihresHandelns und Leidens in einem kritischen Lebensmomente darzustellen strebten, alsoden Charakter zu ihrem idealen Element hatten und die dramatische Fabel als Neben-sache darin herumlaufen ließen, sucht das heutige Drama dagegen mehr besondere, >"'dividuelle Figuren, diese aber mit starken und prägnanten Zügen in mannichfach ver-wickelten Lagen zu schildern, hat also den Charakter zu seinem materiellen Eleme»und läßt die dramatische Fabel als Hauptziel hervortreten. Anstatt zu gcneralifir^vom Besondern auf das Allgemeine hinzuzielen, verlegten sich die neuern dranw^'scheu Dichter aufs Jndividualisiren, auf das Hervorheben des Einzelnen unter gewijss'Umständen und Verhältnissen. Sie schilderten nicht mehr den Menschen unter de>Einfluß einer Leidenschaft, sondern ließen einen absonderlichen Helden auftretenversetzten ihn in Lebenslagen, wo ihm ungefähr so zu Muthe sein mußte wie e>>^Wilden, der urplötzlich in die feinern Genüsse der Bildung eingeweiht wird. ,erforschten den Eindruck, welchen die bürgerlichen und gesellschaftlichen Einrickss"^,,-auf einen in solche Verlegenheit gesetzten Helden hervorbrachten und ließen jun-
gen mit den Hindernissen, welche die Welt dem ungestümen Dränge seiner ,-stschaßten entgegenstellte In solchen Lagen gibt es nur zwei Auswege: entN^H^z.die Leidenschaft stärker und überwindet die Welt und ihre Gesetze; oder sie '^.Fällencher und unterliegt »ach einem hitzigen Kampfe, der sie aufreibt. In bei^" ^§ge-wurden wunderliche und abenteuerliche Situationen verschwcnderischermaßc" ge-gossen, und das Drama bis aufs äußerste getrieben; überraschende Vor- allegänge folgten in schnellem Wechsel und häuften sich schichtenweise aufeinan ^ ^Stände, alle Classen traten in Spannung und Gegensatz und stießen zusa^ h/rspie-neue Wirkungen in grellen Contrastcn hervorzubringen. Wie in einem s« ^x,idegel sah der Zuschauer auf den Bretcrn eine lebendige, rührige, lärmende Her-
Welt vorübersausen, wo es zwar wunderbar, aber eben nicht unwahrsm