Die Literatur Frankreichs. 559
ging, als es seit 40 Jahren in Frankreich hergegangen; und wenn auf der BuhnePersonen erschienen, die im ersten Act Unteroffiziere und im letzten regierende Für-sten, beim Anfang arme Leute und beim Schluß Millionäre waren, so fand mansolche Elückswechscl gar nicht anstößig, sondern ganz in der Ordnung und überein-stimmend mit Dem, was man bei den politischen Wirren und Zerrüttungen seinerZeit und seines Landes gesehen und erlebt hatte.
Diese neue dramatische Form ist in Frankreich seit noch nicht sehr langer Zeitdurchgcdrungen. Die alte Scheidung des Tragischen und Komischen hatte über einJahrhundert unangefochten bestanden, als die Revolution von 1789 die Gattungender dramatischen Poesie wie die Stände der politischen Gesellschaft vermengte. Na-poleon stellte mit der bürgerlichen Rangordnung auch die dramatische Classeneinthei-lung wieder her: die Tragödie und Komödie kamen von neuem zum Vorschein undblieben unter dein Kaiserreich die vorherrschenden dramatischen Formen. Die Re-stauration war in literarischen wie in politischen Dingen eine Übergangscpochc. Dieneuen Ideen, die sich in der Welt rührten und an den Tag zu kommen suchten,hatten noch nicht ihre volle Trieb- und Spannkraft erreicht. Einerseits wagte mansich nur schüchtern und wie verschämt mit neuen Bestrebungen hervor; andererseitsbestärkten große Schauspieler das Publikum in der hohen Meinung von der Vor-trcfflichkeit der alten Tragödie und Komödie, welche talentvolle Schriftsteller, bcson-dcrs Casimir Delavignc, mit erheblichen Stücken unterstützten. Allmälig gewannicdoch das bürgerliche Element immer mehr Boden in Frankreich, und hakte natür-lich zur Folge, daß die auf die Bühne gebrachten Gegenstände meist aus dem ge-wöhnlichen Familienleben hergenommen wurden. Die neue bürgerliche Gesellschafttrachtete die alte adelige Gesellschaft selbst aus den Theaterstücken zu verdrängen, undweinte, die Marquis hätten lange genug mit ihrem Witz, und die Gräfinnen mit'hrer Liebenswürdigkeit geprangt. Das alte Thcaterrepertoire war für diese Gesell-schaft das Spiegelbild einer feinen Sitte und Lebensart, die sie nicht erreichen konnte,»nd deren Muster ihr misfielcn. Die alte Komödie verlor an Ansehen, und Scribewurde der beliebte und belobte Autor der Zeit. Die kleinen Gefühle, die kleinenZierereien, die kleinen Umtriebe, die er so schlau und so meisterhaft verbrauchte,paßten wunderbar zu dieser' kleinen Welt. Die sentimentalen Bankicrfraucn, dieMillionäre, die galanten Obersten, wovon seine Stücke voll sind, entzückten dieMenge, die darin ein Abbild der vornehmen Gesellschaft zu sehen glaubte. Zu jenerZeit wurde im Leben mehr als auf dem Theater Komödie gespielt. Trotz aller An-lechtungen erhielt sich die alte Tragödie und Komödie, wenn auch mit geschmälertem^orrecht und getheiltem Besitz, bis in die letzten Jahre der Restauration, wo sichWre neue dramatische Richtung bildete, die nach dem Ausbruchc der Julirevolutions"w Alles mit sich fortreißenden Strom wurde. Man war nicht damit zufrieden,nch von dem Despotismus der Monarchie zu befreien, man wollte sich auch vonDespotismus der Akademie losmachen. Keine alten Regeln, die man für ün^chlaßlich hielt, keine erkältenden Fesseln, die man einst sich anlegte, keine Einheit. ^ Zeit, des Orts und der Handlung, keine bestimmte Zahl von Acten, keine Schei-u«g des Tragischen und Komischen — alles Das wurde der Autorität für verlustigMärt. Die classische Tragödie und Komödie mußten abdanken, und das romanti-'we Drama kam an die Regierung.
, Zwei Könige, Victor Hugo und Alexandre Dumas, theilten sich in die neue^amatische Herrschaft, und hatten Jeder einen eigenthümlich verderblichen Einfluß aufBühne. Victor Hugo hat viel lyrischen Schwung, aber keinen dramatischen, ^w: die Personen, die er auftreten läßt, sind historisch und psychologisch unwahrsolle ""^bendig. Seine Helden thun in der gegebenen Lage nicht, -was sie thuns»a^' ^ bisweilen die herrlichsten Dinge, aber nicht Das, was sie eigentliche^." s°llten, und man Hort sehr deutlich, daß nicht das Gefühl, wovon sie angeblichH?"lfen si„d, sondern der Humor des Dichters allein aus ihrem Munde spricht.
Hugo ist auf dem Theater zu sehr Lyriker. Trine volle Phantasie reißt ihn