566
Die Literatur Frankreichs.
sinnliche Charakter, der ins Drama eindrang, auch auf den Roman überging. Inden Bücher» trieben die Autoren das Unwesen sogar noch weiter als in den Thea-terstücken. Wenn Menschen beisammen sind, so halten sie strenger auf Sitte undConvenicnz, als wenn sie allein oder selbander sind. Unter vier Augen machen siewenig Umstände mit gewissen Grundsätzen und Rücksichten, die sie öffentlich nichtübertreten lassen. Dieser Stimmung ist es beizumessen, daß das Theater, wenn esauch eben nicht viel Regeln achtete, doch einige behielt. Die Bücher wagten mehr,weil die Verfasser dabei weniger riskirten. Das Schlimmste, was ihnen zustoßenkonnte, war, daß der Leser das Lesen aufgab und das Buch beiseite legte. Fürden dramatischen Dichter stellte sich die Sache anders: wurde das Stück ausgcpfif-fen, so siel es durch, und er hatte davon einen materiellen Verlust. Die Theater-censur, sogar das Publicum, litt eben nicht allzu gern, daß die poetische Licenz inFrechheit ausartete. Dieser verschiedene Stand der Dinge hatte zur Folge, daß dieNomanschreiber die Fehler des Theaters auf die Spitze und noch weiter trieben. Dasie die Wirkung der Decorationen nicht anstreben konnten, so verlegten sie sich aufden Wort- und Bilderprunk; ..Phrasengeklirr und bunte, grelle Farbenpracht galtenzu oft für Stil. Was diese Ähnlichkeit herbeiführen half, war das Einfallen derDramaturgen in das Gebiet öcs Romans, wo sie ihre ungestümen Sitten, ihregroben Gefühle und ihre Knallcffecte hineinbrachten. Es dauerte nicht lange, sovernachlässigte der Roman die Charakterschilderung und haschte lediglich nach Erfin-dung von verwickelten Zuständen. Die Unterhaltung oder vielmehr die Spannungdes Lesers wurde der einzige Zweck des Verfassers. Hatte er dieses Resultat erreicht,so war Alles gewonnen und nichts daran gelegen, womit oder wofür die Neugierdein Athem gehalten würde. Wahre Leidenschaften, natürliche Empfindungen, corrccteund einfache Sprache — alles Das war unnützes Gepäck, das man sich aufs ge-schwindeste vvm Halse schaffte, wie ein Schiff seine Waaren ins Meer wirft, UMseine Existenz zu retten. Wer das Rechte treffen will, braucht Zeit und Mühe,die der Leser nur wenig in Anschlag brachte. Der Verfasser bediente schnell dasPublicum nach den Ansprüchen seines Geschmacks und hatte dabei dreierlei Vor-theile: er sparte Zeit, verdiente stärkeres Honorar und erlangte schnellere Berühmt-heit. Mancher in den Lesecabincten beliebte Autor hielt seinen Ruf für immer be-gründet; aber die wenigsten sind obenauf und i» großem Ansehen geblieben.
Zahl beläuft sich auf fünf: Honore dc Balzac, Eugene Sue, George Sand, Alexan-dre Dumas und Frede'ric Soulie.
Balzac ist seit seinem Tode im Ansehen gestiegen. Eigenheiten des CharaktersUngleichheiten des Talents, allzu begründete Ansprüche auf superlative Fruchtbarkeitdie seitdem Andere weit übertreffen haben, häufige Beweise von gänzlichem ManSsan moralischem Gefühl, endlose Streitigkeiten mit Verlegern, Zeitschriften undrungen, ein literarischcs Chicanirwesen, wie es mit der Würde der schönensenschaften sich nicht recht verträgt, und auch, um Alles zu sagen, ein tiefer, stmiWiderwille gegen literarischc Cliquen und Cotcricn, die in Frankreich vonsich das Vorrecht angemaßt, Ruhm und Spott nach ihrer Art zu spenden, allesohne Balzac's Celebrität im geringsten zu beeinträchtigen, hielt ihn bei seinenzeiten in einer gemischten, zweideutigen, unbestimmten Lage zwischen Huldigung 7,^Hohn, zwischen Bewunderung und Beanstandung, zwischen der Anerkennungglänzenden Fähigkeiten und dem Bedauern, ihn einen so schlechten Gebrauch gssenmachen zu sehen. Zehr hat sich Alles geändert. In den Augen seiner AeitE , ^ein Mann von unermeßlichem, aber verschrobenem und ängstlichem Talent, ist 7 ?für die jungen Leute, die sich um sein noch unvollendetes Monument herumdrg"^^ein Mann von Genie, ein Meister und Muster gewordene er hat Commentsund Scholiastcn wie Homer und Dante. Auch wird er mehr als jeaber nie in das große Publicum gedrungen. Er wußte nicht, wie man die at ^anpacken muß, und von allen seinen Romanen hat kein einziger sovielAufsehen gemacht als gewisse andere. Das erklärt sich aus der Eigenthum