Die Literatur Frankreichs. 567
seines Talents. Balzac ist voc allem beharrlicher Analytiker, unverdrossener Schatz-gräber, sorgsamer Klein- nnd Feinmaler. Die Masse hat mehr Sinn für Hand-lung und Totalwirknng als für die Vorzüge einer psychologischen Studie. Ungeachtetdieses passiven Widerstandes, womit er zu kämpfen hatte, eroberte Balzac ein be-trächtliches Publicum, und drang mühsam, aber glücklich durch.. Ehe er berühmt! wurde, hatte er viele Romane geschrieben, die unbeachtet blieben, und welche er spä-ter wieder hervorsuchte und herausgab: sie sind von geringerm Belang, aber inso-fern merkwürdig, als man daraus sieht, wie sich sein Talent durchgebildet hat. D>rAbstand ist ungeheuer. So fehlerhaft auch Balzacs Stil ist, würde es doch, wennMan den Beleg nicht vor Augen hätte, Mühe kosten sich einzureden, daß der Ver-fasser von „Lugsnis ül-anclöt" und „I-a stsur clss puiü" Derselbe ist, der „I.aseimiges tve" und „b>g vioaies elss ibeeisnneü" geschrieben. Balzac hat bedeutendeVorzüge und ebenso erhebliche Mangel. Einige Eigenschaften des Genies sind ihmnicht abzusprechen: er hat Arbeitseifer, Stärke, Ausdauer, Scharf- und Tiefblick, undganz besonders die Gabe, Alles, was er anrührt, zu beleben, von den Personen, dieer erdichtet, bis auf die Lokalitäten, die sie bewohnen. Aber er läßt andere nicht min-der wesentliche Eigenschaften vermissen: Geschmack, Ebenmaß, Einfachheit, die Kunst,"n rechten Augenblick einzuhalten, nämlich da, wo die Wirkung durch übermäßigenNachdruck sich verschlechtert, wo die Situation durch allzu lange Dauer sich ver-hiebt und die Analyse zur Alchemie wird. Mit Recht hat man gesagt, daß inBalzac zwei Menschen stecken: der eine, ein vorzüglicher Künstler, ein unver-gleichlicher Erzähler, ein kecker und glücklicher Finder; der andere nebenher beschäf-tigt, die ursprüngliche Farbenskizze zu verklecksen, die eigenthümliche Erfindung zu^rpfuschen, in Erzählung und Beschreibung, in Seitenblicke und Dialog etwasspitzfindiges, Verzwicktes und Peinliches einzuschwärzen, dem die Ubermalung! und Überladung anzumerken ist. Balzac ist wahr, aber seine Wahrheit ist re-
lativ, zufällig, local, und besteht mehr in Einzelheiten als in Gesammthal-tung. Sein hervorstechendstes Verdienst ist die Fähigkeit der Analyse, die er
im höchsten Grade besitzt; auf diesem Felde ist er Meister. Niemand kommt ihmgleich in der Art, wie er ein Gefühl auf der That zu ertappen, bei seinem
Entstehen anzufassen, zu seinem Endzweck hinzuführen und seine abwechselndenStimmungen auseinanderzusetzen weiß. Die flüchtigsten Schattirungcn, die lei-
sesten Regungen und Bedungen entschlüpfen ihm nicht; er ahnt sie, ehe sie imGemüthe seiner Personen auftreten. Die verstecktesten Abfindungen mit dem Ge-wissen, die geheimsten Umtriebe und Verträge der Pflicht mit dem sündigen Vor-chcil und Interesse sind vor seinem Scharfblick nicht sicher; er hat eine eigene Kraft,^le dunkelsten Ränke und Schliche der moralischen Welt auszuspähen und das ver-schlungene Getriebe ihres innersten Baus aufzudecken. Wo ein gewöhnlicher Ro-wanschreiber seiner Art und Schule vorübergeht ohne etwas zu merken, bleibt Balzac"ehen und zeigt uns ein ganzes Netz und Gewebe von verflochtenen Leidenschafteni wid eingeschlagenen Gefühlen. Aber was er am liebsten im menschlichen Herzen^"versucht, was er vorzugsweise gern schildert, ist die Nachtseite der mit den Schä-rn und Gebrechen einer überfeinen Bildung behafteten Gesellschaft. Balzac ent-spricht mit seinen Romanen der doppelten Richtung des Zeitgeistes, der zugleich angrobem Sinnengenuß und an mystischem Unsinn sein Wohlgefallen hat und sichwenso eifrig mit positiven Dingen wie mit Hirngespinnsten besaßt. Er ist Scn-nialist und Mystiker, und reicht eine Hand dem Swedenborg, die andere dem Ca-anis. Schriftsteller von maßlosem und ungesundem Genie, kitzelt und überreizt er^ "ns die Sinncnlust und die Herzensschwärmerei, die bestialische und die ekstatischerite, das Doppelwesen von Thier und Engel, das in uns steckt. Zugleich Schmuz->id Seelcnmalcr verbreitet er über die Vorgänge der klarsten und baarsten Schlaf-übenwirklichkeit eine pikante Helle, und streichelt auch, wie aus dem Fell der^Warzen Katzen im Finstern, eine angenehme Erleuchtung aus der Oberfläche derleisten und schwersten Materien.