Die Literatur Frankreichs. 585
tischer Monomanie besessen, wie toll in den Gassen herumliefen und Verse aus Tra-gödien herdeclamirten. Die Stadt wimmelte von blassen, hagern Fieberkranken,
die im Chor einstimmig anhuben: „Amor, grausamer Tyrann der Menschen undGötter!" In den ersten Augenblicken, die auf die Februarrevolution folgten, schienes, als sei eine ähnliche Epidemie in Paris ausgebrochcn und hier Alles ins Lebengetreten, was alte und neue Poeten von Abdera erzählen; denn das Närrischste und^ollste ihrer Demagogen und Volksfreunde hörte man von den pariser Abdcritcnübertreffen. Alle Köpfe glühten und brannte»; die fabelhaftesten Ideen schwirrten"ud flatterten in der Luft; bei jedem Schritte stieß man auf inspirirte Menschen,d>e außer der Zierde eines laugen Haupt- und Barthaarcs nur schlecht oder nach-!?ssig gekleidet ginge» und das Lächerliche, Phantastische, Ausschweifende ihresDeutlichen Auftretens mit einigen Feigenblättern aus den heiligen und entheiligenSchriften zu bemänteln suchten. Die Einen brachten eine neue Philosophie, dieändern eine unoffenbarte Religion, noch Andere eine unerhörte Politik zu Markte;^ war, als ob zwischen den Pflastersteinen, die sich aus dem Boden zu Vcrram-welungen anfgcthürmt, eine Saat von Propheten und Orakclmännern hervorge-chossen. So geht es »ach Revolutionen: ein Aufstand von 48 Stunden soll Alles,vas in 48 Jahrhunderten hervorgebracht worden, mit einem Schlage vernichtet oderwenigstens befestigt haben, und man will die Welt wieder von vorn anfangen. Allent-yawcn, in wuchern, Zeitungen, Salons, Schauspielhäusern, lieferte man philoso-Dhische und liall0iialökononnsche Schlachten, wobei sich bewundernswürdige Phantasie-stäfle und gigantische Hoffnungen hervorthaten. Im Grunde aber wußte man nichtrecht, warum man sich schlug; das Unklarste dabei war, wie es häufig vorkommt,st eigentliche Gegenstand des Streits, und das Klarste die thörichte Einbildung,u' x beständigen Wiederkäuen der drei hergebrachten Worte Freiheit, Gleichheit"d Brüderschaft sei Alles abgethan und ausgeglichen. Die französischen Demokra-Efi dachten sich bei diesen Worten ein buntes Allerlei, wie Vcrmögensgleichheit,utcrgemeinschaft, Vielweiberei und dergleichen Herrlichkeiten. Sie träumten beimherumschlendern auf den Boulevards von der Auferstehung Spartas, betheuertener den Dampfwolken, die sie aus ihren Pfeifen bliesen, Jesus Christus sei ein^EPublikaner gewesen, waren vor Freuden ganz außer sich darüber, daß die allge-"'E»ic Bildung mit Riesenschritten immer höher steige, und ließen sich einstweilenjedem neuen oder alten Wahne, von jeder blinkenden Chimäre wie Lerchen mitEn> Spiegel fangen oder wie Hammel in den Rudel aller Quacksalber und Wun-^rdvctoren hineintreiben. Man sah auch hieraus, daß der große Haufe, der nichts^Efferes als betrogen sein will, den guten Willen, ihn zu betrügen, der fähigstenElchickiichkeit dazu vorzieht.
fair die Literatur hoffte man von dem Sprunge aus der monarchische» Ver-wr ^ die republikanische einen ebenso raschen und entscheidenden Umschwung als; sch. Politik. Viele Männer hatten es so ergrübest und aus einigen armen Ge-ll djx z ^"chningen und Vernunftschlüssen herausraifonnirt, daß in einer Demokratiei »flw ""3« und ihre Töchter, die Rede und Schrift, völlig freien Mund haben""d, als die Lieblingskinder des Himmels, nach Herzenslust ihre Gaben zumdq- .Eu und Tändeln wie zum Donnern und Blitzen gebrauchen könnten, ohne»bd 'dstcn Einer etwas darein zu reden hätte. Man werde bei gänzlicher Schrist-frhh ^Edefreiheit nach einem Jahre in Aufklärung und Cultur weiter sein, als manZubist Preß- und Mundsperrc nach hundert Jahren darin gekommen. Die Nc-»ych berufe alle Franzosen nicht blos zur Ausübung ihrer Bürgerrechte, sondernhist iur Entwickelung ihrer Geisteskräfte; das Reich der Intelligenz erweitere sichi>,g Reiche der Freiheit und das Princip der Gleichheit und Brüderschaft seiEstib- ^unenlicht, welches die Blüten und Früchte des Geistes und Herzens hervor»daß ein dürrer Sirocco des Despotismus sie im Keim ersticke. DäS">ehr - kein Privilegium mehr und die Wohlthat der geistigen Bildung nicht'"»gen Wenigen vorbehalten; Millionen von Intelligenzen, die bisher im