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Eilfter Band.
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Die Literatur Frankreichs. 5-99

reicht, wenn ihr die historische Hülfswissenschaft abgeht, wodurch die Gesetzgebungdes Schönen auf dem angegebenen Felde näher bestimmt und gegen mögliche Fehl-griffe verwahrt wird, so ist sie unter solchen Bedingungen ein mißliches Wagstück,und bleibt selbst da, wo sie jenes nothwendige Zubehör des gelehrten Fachwerks mitumfaßt, ein fruchtloses Unternehmen, ein Predigen in der Wüste. Die Poesie hatnur zwei Mittel und Wege in die Gemüther einzudringen und sich durch innige Be-ziehungen mit dem Geist einer Zeit und Generation, einer Welt und Nation zuverschmelzen: sie muß die Merktage für das Leben der Völker, in denen vorbedeutetwird, was künftig daraus werden soll, die Weihnacht ihrer Geburt, wo ihr guter Sternüber der Wiege am Himmel steht, den Aufgang ihrer Welt- und Götterlehre, wiesie fernab in den ersten morgenrothen Lcbcnsstunden unter den Morgenträumen derNationen am Horizonte heraufdämmert, besingen; oder in spätern Zeiten, wenn dieMacht des gemeinsamen Volksglaubens so weit gemildert und gebrochen ist, daß dieGeisteskräfte der Einzelnen frei wirken und schaffen können, so muffen wir bei demDichter wenigstens ein gut Stück von uns selbst wiederfinden, und es muß diese indi-viduelle Poesie doch mehr oder minder von einem gemeinsamen Gefühle genährt wer-den und mit den verborgenen Strömungen zusammenlaufen, die bei dem vielfältig-sten Gedankenfluß gleichzeitig zwischen gleichgestimmten Gemüthern sich bilden. Dasgeschah in Frankreich, als Lamartine's „Köciitativiis" erschienen, und später, als Al-fred de Muffet i„ seinen „Nächten" gewisse unserer Zeit eigene Schmerzen noch näherberührte. Aber man versuche mythologische Berge wieder mit fabelhaften Wesenzu bevölkern und aus zerbröckelten classischen Trümmern frische antike Tempel zubauen; ja, um in das innere Leben des Heidenthums noch tiefet wieder hineinzukommenund das äußere Wissen des Hellenismus noch treuer wiederherzustellen, gehe manweiter und wende auch auf die Götter, Menschen und Dinge des griechischen Alter-thums das philologische Verfahren an, welches August!» und Amedc'e Thierry in>hren Geschichtswcrken auf die fränkischen Könige des merovingischen und karolin-Sischen Stammes angewandt haben: man sage, wie Leconte de Lisle, Alfred Bus-siuer und Andere neuerdings in ihren Gedichten thun, und wie es in Deutschlandi^wn längst Sitte ist, statt Griechenland: Hellas, statt Troja: Jlium, statt Saturn:^rviios, statt Jupiter: Zeus, statt Cupido: Eros, statt Neptun: —unnütze

Mühe! Das Todte wird nicht wieder lebendig, das heilige Feuer flammt nicht wiederan geweihter Stätte, wo die seit 30 Jahrhunderten ausgebrannten Kohlen zu einemkalten Aschenhaufen verglommen sind. Als gelehrte Alterthumsfreundc können wire>» solches Beinhaus mit Interesse besuchen; unsere Seele wird erschüttert, unsereEinbildungskraft beschäftigt, aber unser Herz bleibt ungerührt bei dem Anblick dieserTvdtengerippe, mögen sie auch mit so viel Sammet und Seide umkleidet sein, daßwa» die kahlen Knochen nicht schlottern sehen noch klappern hören kann. Die^mische,, Dichter Virgil und Horaz, obschon sie in keiner so schönen und reinenSprache schreiben als Sophokles und Anakreon, auch ihren Honig nicht aus derwischen Blütenfülle des Hymettus einsammeln, sondern aus halb verwelkten Blu-ten zubereiten, wirken im Allgemeinen doch stärker und tiefer auf unser Gemüth,^«l hier durch das Heidnische schon etwas Christliches, wenigstens viel Humanes"Urchtönt, wovon aus den griechische» Dichterwerken nichts anklingt. Trotzdem will"conte de Lisle nur das Altgriechische in seiner ursprünglichen, unverfälschten Formgerettet und geborgen wissen. Er gibt sich das Ansehen eines Apollo- oder Cybele-briestcrs, der die mythologische Rcchtgläubigkeit argwöhnisch strenge bewacht undlles für verloren hält, wenn K die kanonische Reinheit der Traditionen und Texte»rch den Contact mit neuern profanen Ideen und Vorstellungen trübe» und ver-tehen ließe. Daher sind seine „k»vmei> autiquos", ungeachtet großer Verdienste»d Schönheiten in, Einzelnen, doch im Ganzen eine sehr peinliche, anstrengendeJeden, der in der osficiellen oder apokryphischen Göttergenealogie, im° haischen Hofkalender des Helikon und Olymp nicht ganz bewandert ist. Alsntnttsgedichtc eines junge» Poeten betrachtet, habe» sie erheblichen Werth; sonst