598 Die Literatur Frankreichs.
Wesen vom gestrigen Datum, weiter nichts. Die allgemeine Geduld ist dieser lär-menden Komödie überdrüssig, die zum Besten einer geborgten Selbstvergötterei (.än-tol.itris) gespielt worden u. s. w."
Es schien nicht unwichtig, auf die ästhetischen Ansichten der jüngsten antiki-sirenden Richtung aufmerksam zu machen. Man sieht, hier wird mit der ältern undneuern französischen Poesie entschieden gebrochen; die frühern Principien und Theoriensind beseitigt, und das Bestreben, mit altgriechischer Poesie und Ästhetik in unmit-telbare Verbindung zu treten, ist bei den Anhängern jener Richtung unverkennbar.Lecontc de Lisle hat wenigstens das Verdienst, seine Gedanken ohne diplomatischeFloskeln und Umschreibungen auszusprcchcn. Nach seiner Meinung existirt in derPoesie nichts Bedeutendes seit Homer, Äschylus und Sophokles; selbst Euripidcs,blos einige Olympiaden jünger als Äschylus und Sophokles, und im 17. Jahr-hundert bekanntlich Hauptmuster für Frankreichs classische Poeten, ist schon einSkeptiker, ein ausgearteter Dichter der Verfallzeit, der die große homerische Tra-dition verunstaltet; an Virgil und Horaz, die bisher immer als Lieblingsdichter undals Vorbilder des guten Geschmacks gefeiert worden, ist nur Das leidlich, was sievon Griechenland hergeholt haben, als selbstdenkende Römer sind sie Barbaren. Diemodernen Poeten kommen noch schlimmer weg: es befinde» sich darunter blos etlichestarke Individualitäten, die mit der Barbarei ringen und weiter nichts zur An-schauung bringen als den schmerzlichen Gegensatz zwischen dem Schönen das s"'leisten könnten, und dem Unschönen das sie leisten. Es gehört eine merkwürdigeUnerschrockenheit und Unbefangenheit dazu, so etwas den Franzosen vor den Kopf zusagen, und so geradezu die hohe Vortrefflichkcit ihrer poetischen Nationalliteratur ab-zustreiten. Lecontc dc Liste beleidigt dadurch seine Landslcute noch ärger, als Plattnvon Hallermünde die deutschen in seinen Parabasen beleidigte, worin er ihnen Man-gel an Geschmack und Urtheil vorhielt. In Deutschland rächte man sich an dewPoeten dadurch, daß man von ihm keine Notiz nahm, und ich glaube, dem fran-zösischen Dichter wird es in seinem Vaterlaudc ungefähr ebenso ergehe». Sein Itt'thcilsspruch würde selbst in milderer Form abgefaßt unzulässig scheinen, und st'"Bestreben, die altgriechische Weltanschauung rein und ungetrübt dem moderne» All-bewußtsei» wieder anzunähern, auch bei dem unermeßlichsten Talent erfolglos bleiben'Lecontc de Lisle unterscheidet mit Recht in der griechischen Poesie zwei Epoche^eine ältere Epoche, wo Religion und Kunst, Dogma und Mythe so innig j"s^'
menhängen, daß sie in der Anschauung des Volks verschmelzen, daß Priester
und
Dichter einverstanden sind, und jeder von hehren Lippen fließende Gesang einmonischer Klang des allgemeinen Glaubens und Bewußtseins ist; und eine jü"I^Epoche, wo jene beiden Elemente sich trennen und neue Verbindungen eingehen,Kunst und Orthodoxie sich gegenseitig hemmen und anfechten, wo TheologenKünstler argwöhnisch einander aufpassen, und Dichtung mehr ein rhythmischer A"druck individueller Gefühle und Stimmungen ist. Wenn nun diese jüngerefür Griechenland schon zu Euripidcs' Zeit eingetreten war, d. h. zu einer Zeit, ^die athenische Bildung noch in voller Blüte stand, und das Parthenon u»d .Sculpturen des Phidias noch in ungeschmälertem Glänze prangten — ist esnach dem Verlaufe von 5tU>1) Jahren, nach der Umgestaltung der heidnisch"' hin-durch das Christenthum, die unbefangenen, frischen, innigen, ursprünglichs''soschaumigen, Begriffe und Gefühle der altgriechischcn Poesie und Kunst ^spiel,an uns zu bringen, daß sie etwas Anderes sind als ein todtes Buchst"^, »ndauf das von fernher ein Lichtstrahl fällt? Gelehrte Individuen, Archäolog Al-Philologen, die nur das sind, können sich rein antik stimmen und gekehrt')'lectivwescn, Völker und Zeiten, die von eigenen Gedanken bewegt und fähig,können das nicht. Poetisch begabte Naturen sind dazu eben auch nicht stm desda sie für das mühsame Nachgraben in verschütteten und überdeckten Nä'""" ste"geistige» Lebens selten ein Pfund empfangen haben, wie es sich bei den geseyForschern öfter findet. Da aber jene poetische Richtung für ihren Zweck >"H