Band 
Eilfter Band.
Seite
609
JPEG-Download
 

Die Literatur Frankreichs.

609

Theaterstücken wieder ihr Wesen, ihre Physiognomie und die Art ihrer Gesellig-keit herauslesen wollte: ganz gewiß würden Molicre's Komödien, seine Marquis,seine Arzte, seine affectirten Weiber, seine schwatzhaften Philosophen, seine spieß-bürgerlichen Edelleute, sein Tartufe u. f w., wesentlichen Aufschluß über die Sittenseiner Zeit geben. Auch in den spätern Stücken von Lesage, Regnard, MarivauxUnd Beaumarchais ist ein bedeutender Überrest voni Leben und Dichten und Trach-ten der Nation niedergelegt, und es dürfte nicht schwer sein, die allgemeinen Um-risse und sogar die speciellem Züge ihrer damaligen Persönlichkeit und Geselligkeitaus diesen Elementen hrrauszuzeichnen. Kurz, man brauchte nur zum Repertoirebet Lomsäi« lrsn^.si8s zu greifen, um sich einen vollständigen oder ungefähren Be-von der Denk- und Lebensweise eines beliebigen Moments zu machen, dieEntwickelung der französischen Sittengeschichte in ihrem Hin- und Hergänge schritt-weise zu verfolgen und ihre untergegangenen Formen und Zustände in Gedankenwiederherzustellen. Sollte das für die jüngste Vergangenheit und laufende Gegen-wart ebenso leicht angehen? Ich glaube nicht, daß aus den Stücken, die seit einer^cihe von Jahren auf dem liisätrg lranxaw gegeben werden, das charakteristischeGepräge der neuern Gesittung sich wieder herauserkcnnen läßt, und daß der Ariadne-^ben, der fast zwei Jahrhunderte hindurch die Gelehrten bei ihren kulturhistorischenForschungen teilen könnte, über die Schwelle des modernen Theaters hinübcrreicht.-venn man sich au die französische Normalbühne, das Ilisäirs O-an^sis, hält, soM es klar, daß die gleichzeitigen Sitten und Charaktere, das Leben und Weben desTages, hier nicht mehr oder beinahe nicht mehr dargestellt werden. Ist hiermit^ssagt, daß sie nirgends mehr anzutreffen und daß nicht auf andern Bühnen viel-fältig und manchmal sehr glücklich Zeitvorsälle und Tagesphänomcne benutzt sind?ai sich diese Frage zu beantworten, denke man nur an die komischen Helden eini-ger Stücke von schon etwas älterm Datum, die, von der Laune geistreicher Künsi-^ ergriffen und mit ihrem kaustischen Witz und ihrer kauderwelschen Sprache aus-bkstattet, am Ende so durchgerungen sind, daß sie zur Volkssage des 19. Jahr-huberts gehören: Robert Macaire, Bilboquet, Monsieur Prudhomme, deren Na-"" gleichbedeutend mit Börsenschwindler, Bänkeprophet, Spießbürgertölpel, ja so-bezeichnender dafür sind. Diese komischen Heroen sind für die jetzige Zeit ebenso. endig und ebenso in Aller Munde, wie es Tartufe, Jourdain, Turcoret dem vo-Jahrhundert waren; nur weiß man Den nicht anzugeben, der sie zuerst produ-ht hat. Die Gewähr ihres eigenen Lebens trugen sie in ihrer Erscheinung und/dursten dazu nicht eines fremden Lebens, daß es ihnen Zeugniß gebe- Einmaldjx Bühne gegangen, überraschten sie durch ihre Volksmäßigkeit, sodaß die.,u>ge in ihrer Gesammtheit sie adoptirte und Vaterstelle bei ihnen vertreten wollte;2 ^ eben deshalb müssen wir auch für wahrscheinlich halten, daß sie Kinder desfz.wlls und eines leichten, flüchtigen Machwerks sind. Zwischen Gedanke und Aus-o^sting ist j„ der That eine solches Mißverhältnis, daß es ganz so aussieht, als^ ^ der Gedanke von Jedermann und die Ausführung von Niemand herrühre. Werg,? On wenig in der französischen Nationalliteratur voriger und jetziger Zeit herum-de„ »EN hat, dem muß der Unterschied auffallen, der in Form und Inhalt zwischen^ern und neuern Lustspielen besteht: es kann kaum schroffere Gegensätze gebenderjenige zwischen „dlonsieur kruükomms" und „l .0 dourgso'is-zsntilkomms",Turcoret und Robert Macaire, zwischen ,,1-e wsriags äs kigaro" und „I-sszy!hkgn<pu«8". Abgesehen von andern Umständen, deren Auseinandersetzung hierbw ew führen würde, kommt dieses Gegensatz sehr viel davon her, daß die obenz^w"en neuern Lustspiele für Theater geschrieben worden, die für unliterarisch! kei„E -!stid ihrem Rufe auch entsprechen. Die Stücke sind nur so hingeworfen,ber Situation ist durchgeführt, keine Scene recht ausgearbeitet, kein Charakter sau-sehz^d sorgsam gezeichnet. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit den Komödien, dieDi b*I°"der§ günstig aufgenommen worden sind: schwache Ausführung und an-° Gegenwart. XI. 39